• Kirchenchöre leiden an Mitgliederschwund, die Rekrutierung neuer Sänger ist ein aufwendiges Unterfangen. Benötigt werden kreative Ideen – hier ein paar Vorschläge.
  • «Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!» Dies schrieb der Apostel Paulus den christlichen Bewohnern der antiken Stadt Ephesos. Aber die frühen christlichen Gemeinden lagen weit verstreut im römischen Machtbereich, eine musikalische Traditionsbildung setzte erst mit der Anerkennung des Christentums im Römischen Reich ein, als ab dem 4. Jahrhundert nach Christus führende Kirchenväter dem Gesang einen grösseren Stellenwert einräumten. Papst Gregor der Grosse reformierte Ende des 6. Jahrhunderts die Liturgie der lateinischen Kirche und begann damit eine über mehrere Hundert Jahre fortgesetzte Ordnung, Sammlung und Vereinheitlichung der verwendeten Melodien und Texte. Von den einstimmigen gregorianischen Chorälen zu mehrstimmigen Vokalkompositionen und instrumentaler Begleitung einer «gemeineuropäischen Musikkultur» war es aber ein weiter Weg, der immer wieder an katholischen Konzilien wichtige Weichenstellungen erfuhr und auch von den Reformatoren stark beeinflusst wurde. Das zweite Vatikanische Konzil hielt 1963 schliesslich fest, dass «die überlieferte Kirchenmusik einen wertvollen Schatz darstellt, den es zu pflegen und zu mehren gilt». Schön und gut – aber leichter gesagt, als getan.
  • Es braucht keinen besonderen journalistischen Scharfsinn, um das grösste Problem aufzudecken, mit dem die Verantwortlichen in den Kirchgemeinden zu kämpfen haben: Der Nachwuchs für den Kirchenchor fehlt. Schuld daran ist nicht nur der Pillenknick, also die geburtenschwachen Jahrgänge ab Mitte der Sechzigerjahre, die nun im besten Kirchenchoralter wären. Zu kämpfen machen den Chören (nicht nur den kirchlichen) auch die Konkurrenz von rund 300 Fernsehstationen, dem Internet und zahlreichen Freizeitangeboten, die um unsere knapp bemessene Zeit buhlen. Allerdings sei die Mitgliedersuche schon immer harte Arbeit gewesen, erinnert sich Christian Steiner, ehemaliges Vorstandsmitglied des Männerchors Dietikon. Etwas rabiat muten denn auch die Methoden der Dietiker Sänger an, mit denen sie vor rund dreissig Jahren potenzielle Neusänger rekrutierten: «Ohne Gegenbericht werden Sie am Dienstagabend von zwei Kollegen abgeholt», stand im Willkommensbrief. Heutzutage ist mit Zwang nicht mehr viel zu holen – Chorleiter brauchen kreative Ideen und verführerische Konzepte, um Neumitglieder zu motivieren.

Keine Klagelieder!

  • Motivation ist ein Schlüsselbegriff in dieser Thematik, und so lautet denn auch der meistgehörte Ratschlag auf Nachwuchssorgen von Chorleitern: Hört auf zu jammern! Neusänger wollen keinem problembeladenen Verein beitreten. «Streichen Sie heraus, wie aktiv Sie trotz der Schwierigkeiten sind, was Sie machen, wann man Sie hören kann», fordert Chorleiter Christoph Tiemann auf «chor-heute.de» seine Kollegen auf, «zeigen Sie, was Sie draufhaben!»
  • Zeigen, was man draufhat, kann man am besten bei einem Auftritt: «Warten Sie nicht auf das jährliche Weihnachtskonzert. Vereinbaren Sie im Chor einen Termin, gehen Sie singen in der Fussgängerzone der nächstgelegenen grösseren Stadt.» Solche Auftritte motivieren die «alten» Mitglieder und sind eine ideale Gelegenheit, Aufmerksamkeit zu erregen, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren und so den einen oder anderen «gluschtig» zu machen auf eine Chorprobe. Lust machen auch Erzählungen der Chormitglieder. Animieren Sie Ihren Chor, Freunden, Nachbarn, Bekannten und Verwandten lustige Anekdoten aus dem Sängeralltag zu erzählen, vom Gemeinschaftssinn im Verein zu berichten oder von den spannenden Projekten, die sie anpacken wollen – Mund-zu-Mund-Propaganda ist immer noch die beste Werbung!
  • Um weitere Kreise zu erreichen, können Sie Neuigkeiten aus Ihrem Chor auch mal als Pressemitteilung der Redaktion der lokalen Zeitung schicken. Oft freuen sich diese über Beiträge, die ihnen zur Verfügung gestellt werden, und sei es nur, um eine Lücke zu stopfen. Natürlich sollte der Inhalt der Pressemitteilung eine gewisse Relevanz haben. Haben Sie eine Wohltätigkeitsorganisation unterstützt oder sind sie am Dorffest aufgetreten? Davon wollen die Leute wissen! Auch auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder «Google+» verbreiten sich interessante Neuigkeiten schnell. Vernetzen Sie sich, folgen Sie Institutionen und Vereinen aus Ihrer Region, kommentieren und beteiligen Sie sich an Diskussionen, so bleibt auch Ihr Chor im Gespräch.

    Singen macht …

  • Hauptaufgabe eines Chorleiters aber ist natürlich nicht die Rekrutierung von Neumitgliedern, sondern die Leitung seines Chors. Hören Sie auf ihn! Verteilen Sie gelegentlich Papier und Stift an der Chorprobe und fordern Sie ihre Sängerinnen und Sänger auf, aufzuschreiben, was sie gerne verbessert sähen. Möglicherweise kommen so Ideen zustande, die auch die Neumitgliedersuche erleichtern. Vielfalt macht den Unterschied – auch bei der Programmwahl. Idealerweise ist für alle etwas dabei, vom Volkslied zur Klassik, vom Gospel zum geistlichen Choral. Aber setzen Sie kleine Ziele. «Einfaches Liedgut, auf den Chor abgestimmt, aber perfekt gesungen, bringt mehr positives Echo als schwierige Chorwerke, die man gerade noch so hinkriegt», erklärt Horst Biegler, Obmann des Niederösterreichischen Chorverbandes und selber seit über dreissig Jahren erfolgreicher Chorleiter. Auf jeden Fall aber empfiehlt er, im Umgang mit potenziellen Neumitgliedern jederzeit seine drei Hammerargumente einzusetzen: «Singen ist gesund, Singen macht schön – und Singen macht glücklich!»