• Wie werden Neuzuzüger von den Kirchgemeinden begrüsst? Eine Blitzumfrage in verschiedenen Landesteilen zeigt: Keine Gemeinde ist wie die andere, aber an gutem Willen fehlt es nirgends. Patentrezepte gibt es nicht – aber ein paar gute Ideen und Tipps.
  • Beschaulich ist das katholische Gemeindeleben in Glarus Süd: Die flächenmässig grösste Gemeinde der Schweiz verzeichnet plus minus vier Neuzuzüger jährlich. Mehrere Tausend sind es hingegen bei St. Peter und Paul in Zürich, zuständig für die Stadtkreise 1 und 4. Während in Zürich viele dieser Neuzuzüger – Beschäftigte aus dem Bankensektor (im Kreis 1) und dem Sexgewerbe (im Kreis 4) – nach kurzer Zeit wieder weiterziehen, geht man nach Lenzburg oder Embrach, um zu bleiben: Zwischen 20 und 25 Mal im Monat erhalten die evangelischen Kirchgemeinden dieser Ortschaften Post von der Einwohnerkontrolle.
  • Wie in vielen anderen Orten erhalten Neu-Lenzburger zum Einzug einen Brief und eine Broschüre von ihrer Kirchgemeinde. Vorbildlich werden weitere Informationen bedarfsgerecht ergänzt: Einladungen zu Seniorennachmittagen erhalten Personen ab sechzig, die dafür keinen Flyer der Krabbelgruppe in ihrem Umschlag finden. In Embrach machen sich nach einer Neuanmeldung die Pfarrleute auf den Weg – seit einem guten Jahr wird dort der persönliche Kontakt gesucht. Wie nützlich der ist, betont auch Thomas Sunny, Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde in Turbenthal. Er und seine reformierte Kollegin haben das Glück, sich dem Rundgang anschliessen zu dürfen, den die Einwohnergemeinde für Neuzuzüger einmal jährlich veranstaltet. Sunny betont, dass der persönliche Kontakt Vertrauen und Vertrautheit schaffe – wichtige Voraussetzungen, dass sich Neuzuzüger willkommen fühlen. Das geht natürlich leichter in einer Landgemeinde. Im doppelt so grossen Embrach will man die Umstellung bei der Neuzuzügerbegrüssung noch nicht kommentieren, vorläufig aber daran festhalten, auch wenn sich die Kontaktaufnahme in manchen Fällen schwierig gestaltet: Längst haben nicht mehr alle einen Festnetzanschluss, über den die Pfarrleute ihren Besuch ankündigen könnten.

      Kurz und knackig

  • Oft aber verunmöglicht die Personalsituation der Kirchgemeinden ein aufwendiges Begrüssungsprozedere. Eine Möglichkeit, Ressourcen zu bündeln, ist ein gemeinsamer Auftritt verschiedener Gemeinden unterschiedlicher Konfessionen. Im Stuttgarter Stadtteil Plieningen informieren evangelische und katholische Kirchgemeinde in einer gemeinsamen Broschüre über ihre Angebote. In Wallisellen führen von der Kirchen-Seite auf dem Portal der politischen Gemeinde Links zur katholischen und zur evangelischen Kirchgemeinde. Überhaupt ist der Auftritt einer Kirchgemeinde im Internet heutzutage zentral: Um sich über Aktivitäten und das Vereinsleben in der neuen Gemeinde zu informieren, stöbern viele Neuzuzüger erst einmal im Netz. Je übersichtlicher und aktueller ein Veranstaltungskalender daherkommt, desto eher werden sich Gemeindemitglieder zu einer Teilnahme an den geplanten Anlässen entschliessen. Und auch der Willkommensbrief begeistert mehr Leute für eine Teilnahme am Gemeindeleben, wenn er charmant und erfrischend verfasst ist. Kurze und knackige Formulierungen reissen mit, wie ein Beispiel aus Sigriswil zeigt: «Wir hoffen, dass Sie sich hier schnell zu Hause fühlen. Kirchen und Pfarrhäuser sind offene Häuser. Herzlich willkommen in unserer Kirchgemeinde!» Der Stuttgarter Medienpfarrer Christoph Schweizer rät ab von pastoralen Wendungen und ermutigt, auch mal umgangssprachlich zu schreiben: «Also, wir freuen uns auf Sie!» Auf geistreich.de, einer Plattform der evangelischen Kirche in Deutschland für den Austausch von Erfahrungen, betonen verschiedene Autoren die Wichtigkeit einer grundlegenden «Willkommenskultur» in den Gemeinden, welche sichtbar sein müsse, «auch bei Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen, wenn jemand an der Tür steht, die Ankommenden begrüsst und Fragen beantwortet». In Illnau-Effretikon stellt die Kirchgemeinde die Fragen selbst; In ihren Unterlagen finden Neuzuzüger einen Fragebogen, der helfen soll, ihre Erwartungen besser kennenzulernen. Unter den Teilnehmenden der Befragung wird ein Einkaufsgutschein für lokale Geschäfte verlost – so bleibt nicht nur die Kirche, sondern auch die Bäckerei im Dorf.

       Tipps vom Fachmann

  • Aber wie gesagt, jede Gemeinde begrüsst auf ihre Weise – kleinster gemeinsamer Nenner ist der Begrüssungsbrief. Für den hat Pfarrer Schweizer ein paar Grundregeln zusammengetragen: Er rät zur Verwendung des Corporate Designs der Kirchgemeinde. Gemeinden ohne eigene Logos verwenden vorzugsweise das Design ihrer Landeskirche. Eine persönliche Anrede sei unerlässlich und dank der Serienbrieffunktion auch keine grosse Sache mehr. Der Einstieg soll, wie oben beschrieben, kurz und einladend sein. Im Mittelteil folgen Informationen über das Gemeindeleben. Auch wenn es einen Gemeindebrief und eine Homepage gibt – Schweizer empfiehlt, schon im Begrüssungsbrief einen ersten kurzen Überblick zu verschaffen, was in der Gemeinde los ist. Auch hier rät er ab von einem belehrenden Tonfall und warnt davor, Frustration über mangelnde Beteiligung der Bevölkerung am Gemeindeleben schon im Begrüssungsbrief durchschimmern zu lassen. Formulierungen wie «Christlicher Glaube braucht notwendig die Gemeinschaft, nur wer mitmacht, erlebt Kirche in Wirklichkeit!» hält er für wenig einladend, «wenn Sie Zeit und Lust haben, gibt es viele Möglichkeiten» für die bessere Lösung. Enden sollte der Brief mit einem freundlichen Angebot, mit den Pfarrleuten Kontakt aufzunehmen, auch wenn die Einladung selten angenommen werde: «Eine freundliche Geste ist es allemal!»