• In der vergangenen Ausgabe wurde thematisiert, was Kirchen für Väter tun. Nun erklärt der reformierte Pfarrer und Eheberater David Kuratle, wie Männerseelsorge in der Praxis funktioniert.
  • David Kuratle ist reformierter Pfarrer in
    Meikirch und Systemischer Paar- und
    Familientherapeut in Bern.
    Fotos: Chinnapong, fotolia.com, zVg
  • Warum braucht es Männerseelsorge, weshalb muss man mit Männern anders sprechen als mit Frauen?
  • Die Erfahrung zeigt, dass Männer seltener traditionelle Beratungsangebote wahrnehmen als Frauen. Lange hat man diese Tatsache als Defizit von Männern angeschaut. Männerseelsorge ist eigentlich ein Perspektivenwechsel: Anstatt zu fragen, wieso Männer Beratungsangebote eher meiden, stellen wir die Frage, wie Angebote gestaltet werden müssten, damit Männer sich darin wiederfinden und angesprochen fühlen. Anders gesagt: Wir suchen eine männerkompatible Seelsorge anstelle von seelsorgekompatiblen Männern.
  • Waren denn die Beratungsangebote vorher nicht gut?
  • Ich bin in meinen Ausbildungen lange Zeit so geschult worden, dass viele Probleme im Gespräch gelöst werden, Konflikte werden ausdiskutiert, konstruktive, gewaltfreie Kommunikation wird eingeübt. Es war mal ein Mann hier in der Eheberatung, der hat sich beschwert und gefragt, warum er hier streiten lernen müsse wie eine Frau, wieso seine Art des Umgangs mit Konflikten immer ein Problem sei, warum er das Bedürfnis haben müsse, über etwas zu diskutieren. Er habe dieses Bedürfnis nicht und wolle das Problem anders angehen. Dieser Mann fühlte sich unter anderem auch von mir in ein Schema gepresst. Meine Generation ist sehr vom wichtigen feministischen Aufbruch geprägt, aber vielleicht haben wir deshalb die Tendenz, (zu) schnell für die Frau Partei zu ergreifen, statt nach dem Gebot der Allparteilichkeit, die wir für unsere Arbeit in Anspruch nehmen, zu leben, auch im Sinne von: Wer bist du, was bringst du mit, was sind deine Herausforderungen und Bedürfnisse als Mann? So gesehen kommen viele Männer in unseren Angeboten vielleicht tatsächlich zu kurz.
  • Was wurde aufgrund dieser Einsicht am Angebot der Eheberatung hier geändert?
  • Ich habe meinen Beratungsstil geändert und bin stets daran, die Beratung für Männer niederschwelliger zu machen. Im Einzelgespräch mit Männern sitze ich beispielsweise oft neben ihnen statt gegenüber. Das Gegenübersitzen löst bei einigen Männern die Dynamik aus, der andere sei der Experte und er der Versager. Dem Mann vermittle ich damit das Gefühl, es sei ein gemeinsames Arbeiten an einem Thema, Schulter an Schulter (wir sagen dem «side by side», statt «face to face»), gehen wir miteinander einen Weg. Was bei Männern mehr Platz hat, ist Smalltalk. In Alltagsgesprächen gewinne ich das Vertrauen der Männer, die merken, dass man miteinander auch über ganz gewöhnliche Sachen sprechen kann, Beratung muss nicht immer sofort «in die Tiefe gehen». Ich zeige Interesse an Themen, die vielleicht mit dem eigentlichen Problem nicht so viel zu tun haben. Aus der angelsächsischen Literatur habe ich gelernt, dass ich in Einzelgesprächen mit Männern mehr von mir selber preisgeben soll und darf, um zu signalisieren, dass ich so was kenne und selber auch ähnliche Probleme habe, dass es überhaupt nicht so ist, dass ich über allem stehe.
  • Bei der Arbeit lösen Männer auch Probleme im Gespräch.
  • Aber das sind keine persönlichen Probleme. Wenn man in den Klischees bleiben möchte: Über etwas Sachliches reden ist kein Problem, das können Männer gut. Aber sobald es um Persönliches geht, ist das schwieriger. Wenn es gelingt, aus diesem Eigenen etwas zu machen, das man miteinander anschauen kann, indem man es externalisiert, dann ist es einfacher.
  • Warum ist es für viele Männer immer noch schwierig, über Persönliches zu sprechen?
  • Das weiss ich nicht. Es ist eine relativ kurze Zeit, in der diese Fähigkeit von den Männern gefordert wird. Lange Zeit haben Männer in einer Welt gelebt und funktioniert, die von ihnen verlangt hat, dass sie mit ihren Händen und mit dem, was sie können, für den Unterhalt ihrer Familien sorgen. Damit war ihr Job erfüllt. Nun sind neue Fähigkeiten gefordert, und die Männer stehen da und haben das Handwerkszeug dafür nicht – nicht für die persönlichen Belange. Das führt in Partnerschaften und in der Auseinandersetzung mit persönlichen Problemen zu Überforderungen.
  • Ist das destruktive Verhalten der Männer im Umgang mit persönlichen Schwierigkeiten etwas Neues?
  • Das ist nicht neu, aber es wird jetzt bewusster, weil man dieses Verhalten gründlicher erforscht. Es zeigt sich zum Beispiel an Suizidraten, die bei Männern jeder Altersgruppen deutlich höher sind als bei Frauen und auffälligerweise bei betagten Männern nochmals sehr zunehmen. Das ist ein Zeichen dafür, dass es für einen Mann, wenn er sich nicht mehr über Leistung definieren kann, nochmals schwieriger wird, einen Sinn im Leben zu finden.
  • Wo müssten Männer das Handwerkszeug erhalten, sich mit persönlichen Problemen auseinandersetzen zu können?
  • Zum Beispiel hat die Kirche meiner Meinung nach den Auftrag und die Möglichkeit, weil Männer dort immer wieder präsent sind bei kirchlichen Anlässen und unsere Botschaft gerade die Thematik von Selbstwert und Leistung beinhaltet und in einen anderen Rahmen stellt. Es fällt auf, dass in der Kirche die Machtpositionen nach wie vor stark von Männern geprägt sind. Trotzdem werden die Angebote vorwiegend von Frauen genutzt. Offensichtlich haben die Männer in den entsprechenden Funktionen es nicht geschafft, auch Angebote zu gestalten, die Männer ansprechen und bei denen sie merken, dass sie hier etwas holen können, das ihnen hilft, mit den Herausforderungen des Lebens heute zurechtzukommen. Eine Chance sehe ich beispielsweise bei den Kasualien, bei denen die Männer dabei sind. Bei einem Taufgespräch ist es oft üblich, dass dieses Thema an die Mütter delegiert wird; da stellt sich die Frage, wie man den Vater dafür gewinnen kann, dass er merkt, dass das auch etwas mit ihm zu tun hat. In der jüdisch-christlichen Tradition gibt es viele Männergeschichten, die man lesen kann, in denen mit der Frage gerungen wird, was männliche Identität ist. Hat das Platz im Gottesdienst? Wie geht Jesus in den Evangelien mit Männern und Frauen um? Wie treten Männer und Frauen unterschiedlich in Beziehung zu ihm? Ich finde das faszinierend und frage mich, ob es diese Art, wie Männer in die Nachfolge von Jesus treten, in unseren Kirchen gibt – oder suchen wir das gar nicht mehr? Verkünden wir das nicht mehr?
  • Grosses Bild: Väter, die Zeit mit ihren Kindern verbringen, leben nachweislich gesünder. Foto: pixabay.com