Kirchenpflegen sind glücklicherweise langlebige Gremien – umso sorgfältiger sollten deshalb Vakanzen gefüllt werden, um Veränderungen der Bevölkerungszusammensetzung Rechnung zu tragen.

  • Die Bevölkerung der Schweiz wächst und wird immer bunter. Ein Blick in die vom Bundesamt für Statistik im Jahr 2016 veröffentlichten Daten zeigt die wachsende Vielfalt; fast ein Viertel der ständigen Wohnbevölkerung besitzt keinen Schweizer Pass – jeder Fünfte dieses Viertels ist in der Schweiz geboren. Knapp die Hälfte der Ausländer sind seit mindestens zehn Jahren in der Schweiz, fast zwei Drittel besitzen eine zeitlich unbeschränkte Niederlassungsbewilligung.
  • Fast acht von zehn Müttern in der Schweiz sind erwerbstätig, nur noch 29 Prozent der Haushalte entsprechen dem Typ «Paar mit Kindern». Konkurrenz erhält das Modell von Einelternhaushalten (14 Prozent), Patchworkfamilien (6 Prozent) und nicht ehelichen Lebensgemeinschaften, die bereits 15 Prozent der Paarhaushalte ausmachen. Die Landeskirchen andererseits schrumpfen: Seit dem Jahr 2000 hat die römisch-katholische Kirche vier Prozent verloren, nur ein gutes Drittel der Schweizer Wohnbevölkerung bekennt sich 2016 noch zum Papst. Sogar mehr Federn gelassen hat in diesem Zeitraum die evangelisch-reformierte Landeskirche, der heute noch knapp 27 Prozent der Bevölkerung angehören. Und last, but not least: Gesprochen wird in der Schweiz alles Mögliche; zwar ist das auf der Arbeitsstelle zu 66 Prozent Schweizerdeutsch, 43 Prozent der Personen ab 15 Jahren aber benutzen im Laufe des Tages zwei oder mehr verschiedene Sprachen.

·         Für die Gemeinschaft gestalten

  • Kirchenpflegen dagegen sind meist ziemlich übersichtlich zusammengesetzt: Ein typisches Mitglied der Kirchenpflege ist weiblich, zwischen 35 und 66 Jahren alt, verfügt sehr wahrscheinlich über einen Hochschulabschluss und investiert monatlich einige Stunden seiner Zeit in die Kirchenpflege. 87 Prozent der aktiven Kirchenpflegerinnen und Kirchenpfleger wurden von einem anderen Mitglied der Laienbehörde angesprochen und zur Mitarbeit überredet – Aktive zu finden für Ehrenämter wird auch in kirchlichen Kreisen immer schwieriger. Das ist schade und schwer nachzuvollziehen, bieten doch die staatskirchenrechtlichen Strukturen in manchen Kantonen der Schweiz einzigartige Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen auf das gesellschaftliche Wirken der Kirchen: So weist die Organisation der römisch-katholischen Kirche der Schweiz ein weltweit einmaliges Nebeneinander von hierarchisch organisierter Bischofskirche und demokratisch organisierter Landeskirche auf, und auch die historisch enge Verbundenheit der reformierten Kirchen mit dem Staat in den ursprünglich reformierten Kantonen ist in dieser Ausprägung selten. Eigentlich also ideale Voraussetzungen, denn als Hauptmotivation, sich ehrenamtlich zu engagieren, hat der Psychologe Stefan Güntert von der Fachhochschule Nordwestschweiz in einer breit angelegten Untersuchung «Gestaltungswille» beschrieben, zusammen mit dem Wunsch, «sich für die Gemeinschaft nützlich zu machen». Deutlich mehr Gewicht in der Freiwilligenarbeit gegenüber der Erwerbsarbeit hat gemäss dieser Studie das «wertbezogene Commitement», die Übereinstimmung von persönlichen Wertvorstellungen und denjenigen der Organisation. Freiwilligen liegt die Zukunft «ihrer» Organisation sehr am Herzen, in ihrem ehrenamtlichen Engagement finden sie «Sinn» und «Bedeutung». Sie wollen etwas erleben, etwas bewegen und ihre Kreativität einsetzen können – eine Einsicht, der sich mittlerweile sogar die katholische Kirche anschliesst, wenn Kardinal Francesco Coccopalmerio, Präsident des Päpstlichen Rates für Gesetzestexte, festhält, dass «eine aktive und wirksame Zusammenarbeit zwischen den staatskirchenrechtlichen Körperschaften und den Diözesanbischöfen das Salz sind, das auch alle Debatten, Tagungen und Fortbildungen würzt».

·         Hohe Ziele

  • «Kreativität und Initiative», «persönliches Wachstum» und «Kooperation» sind also die Faktoren für die Zufriedenheit von Miliztätigen. Was aber brauchen die Kirchgemeinden? Sie brauchen Führung. Gemäss einem Grundsatzpapier der reformierten Kirche Aargau plant die Kirchenpflege «Schwerpunkte der Gemeindearbeit», ist «verantwortlich für den Einsatz personeller und finanzieller Mittel» und die Verständigung mit den Mitarbeitern. Die katholische Kirche im Kanton Zürich hält fest, dass dem Kirchenpflegepräsidenten «die Geschäftsleitung der gesamten Behörde» obliegt. Neben anderen administrativen Aufgaben gehören aber auch Kommunikation, Katechese, Jugendarbeit und kirchliche Erwachsenenbildung, Diakonie und Ökumene zum Verantwortungsbereich der Kirchenpflegen. Auf «das soziale Handeln der Kirche, die Diakonie» legt die evangelisch-reformierte Landeskirche sogar einen Schwerpunkt und setzt zum Ziel, «sich verstärkt den anderen Lebenswelten zu öffnen». Auch die katholische Kirche erkennt im «Esprit de milice» eine wichtige Säule ihrer Aktivitäten, will offen sein für «die Sorgen und Nöte neuer Migrationsgemeinden» und «kirchennahen Bildungsinstituten neue Publikumssegmente» eröffnen.

·         Die Mischung macht’s

  • Diese hehren Vorsätze müssen aber leider allzu oft von Gremien umgesetzt werden, die – obwohl demokratisch gewählt – die weiter oben beschriebene (und geforderte) Vielfalt in keiner Weise abbilden. Wenn knapp 90 Prozent der Kirchenpflegerinnen und Kirchenpfleger aus dem Freundeskreis rekrutiert werden, heisst das, dass sich nur ein Zehntel der Kirchgemeinden überhaupt die Mühe macht, ein Profil der Anforderungen zu erstellen, welche neue Mitglieder der Kirchenpflege erfüllen müssen. Unwahrscheinlich ist es auch, dass sich in den Freundeskreisen alteingesessener Kirchenpfleger genügend Vertreter dieser «neuen Migrationsgemeinden» und «anderen Lebenswelten» finden, um die Kirchenpflegen repräsentativ zu bestücken. Und doch werden die Kirchgemeinden der Landeskirchen nicht umhinkommen – wollen sie lebendig bleiben und nicht weiter an Bedeutung verlieren –, ihre Bedürfnisse und ihren Bedarf besser zu erforschen und in der Folge auch ihre Gremien diesem Bedarf und den veränderten demografischen Verhältnissen entsprechend zusammenzusetzen.
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