Exoten im Zoo, verwaiste Haustiere gleich dahinter im Tierheim des Zürcher Tierschutzes: Zürich Fluntern ist seit über 100 Jahren ein gastfreundlicher Ort für Tiere. Bei einem Tiergottesdienst in der Kapelle der Diakonie Bethanien riefen Menschen und Tiere gemeinsam dazu auf, das Erbe zu wahren und die Bemühungen zu verstärken.

«Tierschutz wird nicht mehr als eine absonderliche Sache von sentimentalen Querköpfen betrachtet, sondern als eine ernste Pflicht aller wohldenkenden, einsichtigen und mitleidfähigen Menschen», stellte Pfarrer Heinrich Wolff, der Gründer des Zürcher Tierschutzes, schon 1903 fest. Über 100 Jahre später aber müssen Erni, Bert, Aio und Luise, Andreas, Rommy und Susanne erkennen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis alle Tiere genügend Wertschätzung erfahren; bei einem tierfreundlichen Gottesdienst am 9. Juli 2017 in der Bethanienkapelle formulierten sie deshalb gemeinsam ihre Anliegen für ein gerechteres Miteinander von Mensch und Tier. Tierschützerin und Leiterin derAlltagsgestaltung in der Diakonie Bethanien, Susanne Schernthaner Los, lieh den beiden anwesenden australischen Schuppenkriechtieren Erni und Bert, der Bulldogge Aio und dem Hamsterweibchen Luise, aber auch allen anderen Tieren, die ein Anliegen vorbringen wollten, ihre Stimme: «Warum darf ein Masthuhn nur acht Wochen Leben?», wollte zum Beispiel das Geflügelwissen. «Müssen wir Tiere wirklich für eure Eitelkeit sterben?», fragten sich die Fellknäuel, die ihr Leben für einen neuerdings wieder hochmodischen Pelzkragen hergeben.

«Die Erde ist nicht nur für Menschen da!», erklärte denn auch Pfarrer Andreas Schaefer zu Beginn seiner Predigt und gab sich selbstkritisch, weil «das Christentum zum Tierschutz zunächst nicht wesentlich beigetragen hat» – mit wichtigen Ausnahmen: Franz von Assisi (1182–1226) betrachtete die Tiere als seine Geschwister, Pfarrer Albert Schweitzer (1875–1965) machte die «Ehrfurcht vor dem Leben» zu seinem ethischen Leitsatz. Schaefer rief denn auch dazu auf, «Empfinden, Fürsorge und Fähigkeiten der Tiere» zu achten, wiederstaunen zu lernen über «die Vielfalt und die Schönheit der Natur», und erinnerte an den biblischen Auftrag, «die Schöpfung zu bebauen – und zu bewahren».

Nicht von Gott, sondern von den Vereinsmitgliedern – und seinem Gewissen – erhielt Rommy Los, Geschäftsführer des Zürcher Tierschutzes und Leiter des Tierheims, seinen Auftrag: «Wir kämpfen gegen Tierquälerei und gegen den Missbrauch von Nutztieren.» Im Heim am Zürichberg werden jährlich über 400 heimatlose Tiere betreut, darunter Erni, Bert, Aio und Luise. In ihrem Namen – und im Gedenken an Heinrich Wolff – richtete Los seinen Appell an die Anwesenden: «Damals wie heute haben Tiere keine Stimme in unserer Gesellschaft. Es ist meine und Ihre Verantwortung, ihnen diese zu geben.»

«AKUT»– die ökumenische «Aktion Kirche und Tiere»

Seit 2004 bemühen sich die über 300 «AKUT»-Mitglieder «aus der christlichen Tradition die Würde des Tiers zur Geltung» zu bringen und «Tieren in den Kirchen eine Stimme» zu geben.
Lässt sich aus der Bibel ein liebevolles Verhalten gegenüber den Tieren ableiten, wie es «AKUT» fordert? «Die Geschichte der abendländischen Kultur ist eigentlich die Geschichte der Unterwerfung des Tiers und der Natur durch den Menschen», erklärt Präsident Christoph Ammann, reformierte Theologe und stellvertretender Leiter des Instituts für Sozialethik der Universität Zürich. «Der Herrschaftsauftrag der Genesis ist aberkein Freibrief für die Unterwerfung des Tiers», führt Amman weiter aus, «seit der Formulierung dieses Auftrags haben sich die Stärkeverhältnisse umgekehrt – die Natur bedroht nicht mehr den Menschen, heute bedroht der Mensch die Natur».
«AKUT» aber ist kein Tierschutzverein und fährtkeine Kampagnen; sein Ziel ist es, dass die Kirchen langfristig dazu beitragen, das Tierleid zu verringern. Sein Medium ist das Wort: «In vielen Kirchgemeinden fehlt das Bewusstsein für Zusammenhänge. Können wir dafür sorgen, dass bei einem Grillfest auch eine vegane oder vegetarische Option angeboten wird, ist bereits etwas gewonnen», erklärt Ammann die Arbeitsweise des Vereins. Ammann weiss aber auch, dass manche der Vereinsthemen stark emotional besetzt sind und Diskussionen in schwierigem Terrain geführt werden, wenn es zum Beispiel um Rituale anderer Glaubensgemeinschaften geht. «Religionsfreiheit und die Rechte von Minderheiten können auch mit Tierschutzanliegen in Konflikt geraten», erklärt der Ethiker; «AKUT» behaupte nicht, für komplexe Probleme Lösungen aus dem Hut zaubern zu können. «Nicht einmal der Papst, der sich ja auch auf Franz von Assisi beruft, hat mit seiner Umweltenzyklika bis jetzt viel erreicht. Bis Tiere wirklich als Mitgeschöpfe betrachtet werden, ist es wohl noch ein sehr weiter Weg». Ein Weg, den «AKUT» beharrlich zu gehen bereit ist.
www.aktion-kirche-und-tiere.ch

Der Schweizer Tierschutz

Der Schweizer Tierschutz Philipp Heinrich Wolff,von 1849 bis 1903 Pfarrer in Weiningen, gilt gemäss Historischem Lexikon der Schweiz als «Vater des schweizerischen Tierschutzes». Wolff war Mitbegründer und erster Präsident des «Schweizerischen Zentralvereins zum Schutz der Tiere». Anfangs war die «Belehrung des Volkes – besonders der Jugend – durch Schrift und Wort» ein zentrales Anliegen; man war der Meinung, Tierquälerei sei zu verbieten, weil sie zur Verrohung der menschlichen Sitten beitrage. Erst 1978 wurde ein Gesetz erlassen, das Tiere und ihr Wohlergehen um ihrer selbst willen schützt. Galt Tierquälerei lange Zeit als individuelles Fehlverhalten, wurde spätestens ab den 1960er-Jahren Kritik am System der Tiernutzung laut und auf die Gefahren von Rationalisierung und Intensivierung der Landwirtschaft aufmerksam gemacht. Vor allem die Haltungsbedingungen waren Gegenstand öffentlicher Debatten, aber auch der Transport und die Schlachtung der Nutztiere wurden zunehmend kritisiert. Heute sind die zahlreichen regionalen Vereine, die teilweise kulturell völlig unterschiedlich verankert waren, als Sektionen unter dem Dach des Schweizer Tierschutzes (STS) vereint. Der STS ist Mitglied der «World Societyfor the Protection of Animals» und der «Eurogroup for Animals».
Weitere Informationen: www.tierschutz.com
Die STS-Seite für Kinder und Jugendliche: www.krax.ch

Erni, Bert, Aio und Luise (v. l. n. r.) standen im Mittelpunkt. Die Menschen durften auch dabei sein. Foto: zVg