Offene Kirchen setzen sich dem Risiko aus, dass in ihnen Unfug getrieben wird und Gegenstände verschwinden. Gibt es dagegen einen Schutz?

Die Kantonspolizei St. Gallen meldete vor gut einem Jahr, dass «in eine Kirche» in St. Gallen eingebrochen worden sei. «Die unbekannte Täterschaft betrat das unverschlossene Gotteshaus, brach die Tür zu einem Nebenraum auf und stahl zirka hundert Franken Bargeld. Der Sachschaden fiel bedeutend höher aus – dieser dürfte mehrere Hundert Franken betragen.» 2015 vermeldete die Polizei einen Vandalenakt in der katholischen Kirche in Breitenbach SO, bei dem unter anderem ein Buch angezündet wurde; und in Flawil SG zündeten im Juni 2016 zwei 14-jährige Mädchen in der evangelischen Kirche eine Kirchenbank an. Die Schäden blieben bei diesen und vielen ähnlichen Vergehen vergleichsweise gering. Dennoch: Pfarreien und Kirchgemeinden müssen sich gegen Vandalismus und Diebstahl wappnen.

Eine der wohl prächtigsten offenen Kirchen in der Schweiz ist die Klosterkirche in Einsiedeln. Wie sich die dortigen Benediktiner gegen kriminelle Übergriffe schützen, mögen sie aber nicht preisgeben. Das Thema sei zu heikel, ausserdem wolle man niemanden dazu verleiten, die klösterliche Sicherheit zu testen. Sabine Rüthemann, Kommunikationsbeauftragte im Bistum St. Gallen, kann dies nachvollziehen. Gleichzeitig sagt sie aber auch, dass Übergriffe auf Kirchen in St. Gallen sehr selten seien. Angesprochen auf die mutmassliche Brandstiftung eines psychisch angeschlagenen Mannes in der St. Galler Kathedrale im Juni 2016 sagt sie: «Natürlich kann so etwas vorkommen. Aber es wäre falsch, aus Angst vor solchen Zwischenfällen die Kirchentüren zu verriegeln.» Gegen allfällige Schadenfälle müsse sich jede Pfarrei eigenständig versichern.

Neuwert oder Kunstwert

Kirchendiebstähle

Einbruch- und Einschleichdiebstähle in Kirchen, Kapellen und Andachtsstätten:

  • 2009: 302
  • 2010: 264
  • 2011: 227
  • 2012: 318
  • 2013: 284
  • 2014: 258
  • 2015: 221

Quelle: BFS
Bei einem Einbruchdiebstahl wendet die Täterschaft Gewalt an, um in ein Gebäude einzudringen; bei einem Einschleichdiebstahl nutzt die Täterschaft offen stehende Türen oder Fenster.

Im Fall der St. Galler Kathedrale heisst dies, einen Millionenbau zu versichern. «Der gesamte Stiftsbezirk hat einen Neuwert von 184 Millionen Franken», sagt Thomas Franck, Verwaltungsdirektor des katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen. Der Neuwert bezeichnet bei Versicherungen den Betrag, den man aufwenden müsste, um eine Sache zum jetzigen Zeitpunkt im gleichen Umfang neu zu erstellen. Wie im Kanton St. Gallen obligatorisch, sind die Gebäude im Stiftsbezirk über die kantonale Gebäudeversicherung versichert. Franck: «Den Charakter der Gebäude machen jedoch die Kunst- und Sakralgegenstände aus.» Diese zum eigentlichen Wert zu versichern, sei aber praktisch unmöglich – «da würden die Prämien astronomische Höhen erreichen!» Deshalb sei der künstlerische Wert nur zu einem Teil versichert, aber immerhin so, dass viele Eventualitäten gedeckt seien.

Auch bei den Reformierten gehören die Kirchgebäude nicht etwa den Kantonalkirchen, sondern den jeweiligen Kirchgemeinden. Die imposante Elisabethenkirche in Basel wird seit 1994 im Rahmen eines Leihvertrags mit der Reformierten Kirche Basel-Stadt vom ökumenischen Verein Offene Kirche Elisabethen (OKE) betrieben. Dieser hat den 5,5-Millionen-Bau mit den üblichen Versicherungen gegen Schadenfälle abgedeckt. «Zusätzlich haben wir eine Transportversicherung, was sehr ungewöhnlich ist», sagt OKE-Geschäftsleiter Frank Lorenz. Diese schütze eigene und fremde Güter während des Aufenthalts in der Kirche – also zum Beispiel auch Kunstgegenstände während Ausstellungen. Dennoch: Als offene Kirche mitten in der Grossstadt sei vor allem Vandalismus ein Thema. «Der Kirchenraum selbst ist nie unbeaufsichtigt und deshalb relativ sicher», so Lorenz.

Gemeinschaftslösung

Ein reformiertes Versicherungsmodell wird in der Reformierten Landeskirche Aargau in Zusammenarbeit mit dem Versicherer Allianz Suisse geschnürt – eines, bei dem jede Kirchgemeinde sich so beteiligen darf, wie sie es für richtig hält, ohne Zwang, sich überhaupt beteiligen zu müssen. Peter Widmer, Vizedirektor der Generalagentur Kurt Ineichen der Allianz Suisse in Aarau, arbeitet bereits seit den 1990er-Jahren mit den Aargauer Reformierten zusammen. So arbeitete Peter Widmer eine Versicherungslösung aus, die sowohl einfach als auch flexibel ist. «Gerade in der reformierten Kirche ist die Unabhängigkeit der Kirchgemeinden ein Politikum», weiss der Versicherungsfachmann. Es entstand ein Modell, das von verschiedenen Unfallversicherungen bis zu Sach- und Haftpflichtversicherungen vieles beinhaltet, was eine Kirchgemeinde an Versicherungen haben sollte. Niemand muss sich vollumfänglich oder auch nur partiell am Modell beteiligen; ein Ausstieg ist unkompliziert möglich. «Am Anfang waren etwa 15 Kirchgemeinden dabei, heute sind es 68 Kirchgemeinden und der Landeskirche angeschlossene Organisationen», so Widmer. Je mehr Kirchgemeinden sich beteiligen, desto besser sind die Konditionen.

«Offene Kirchen stellen tatsächlich ein versicherungstechnisches Problem dar», erklärt Widmer. «Denn wenn dann etwas entwendet wird, fällt das nicht mehr unter eine Einbruchversicherung.» Also integrierte man kurzerhand den sogenannten «einfachen Diebstahl» ins Gesamtpaket. Ähnlich verfuhr der Versicherungsexperte mit Vandalismus an Waren und Gebäuden. «Das war kürzlich in einem Fall praktisch, als in einer Kirche sämtliche Gesangbücher verunstaltet wurden», erinnert er sich.

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