Der Lebensherbst ist auch für Menschen, die ihr ganzes Leben der Kirche gewidmet haben, eine schwierige Phase. Das dokumentiert ein Interview-Auszug mit dem emeritierten Theologieprofessor und Priester Josef Bommer aus dem Buch «Mein Weg zu einem menschenfreundlichen Gott»* eindrücklich.
Josef Bommer (94), Priester und ehemaliger
Theologieprofessor, lebt heute in Luzern im
Alterszentrum. Foto: DBFP

Josef Bommer, wie empfinden Sie das Altern?
Das Leben wird mühsamer. Alles braucht mehr Kraft. Was früher selbstverständlich war, führt heute zu Stress. Zum Beispiel eine Reise nach Stuttgart. Und für vieles fehlt schlicht die Kraft. Wanderungen sind nicht mehr möglich und seit einem Jahr auch nicht mehr Spaziergänge. Das gibt mir schon zu denken. Wenn ich im Altersheim esse und diese Menschen sehe, wie sie nicht wissen, wie den Tag bewältigen sollen. Altern ist etwas Brutales.

Josef Bommer, wie empfinden Sie das Altern?
Die Spiritualität.Ich habe Meditations-Kurse besucht, um die Spiritualität in der Stille zu finden. Ich kann allen einen Meditationskurs im Alter empfehlen. Das ist eine Welt. Die Meditation ruht auf zwei Tatsachen. Die erste betrifft die Dinge um uns, die Welt und was sie trägt. Sie werden zum Gegenstand der Meditation. Es gilt ein herrliches Wort von Hans Urs von Balthasar: «Alle Dinge kann man doppelt betrachten: Als Faktum und als Geheimnis. Die Dinge haben eine Tiefenstruktur. Sie sind mehr als sie sind.» Oder der Maler Georges Braque sagte: «In der Kunst zählt nur das eine: Das, was man nicht erklären kann.» Es geht um die Gleichnis-Eignung der Weltdinge. Und so werden die Welt, die Natur, der Sonnenuntergang, das blühende Kornfeld, die Berge und der Wald, das Meer und der See zum Gegenstand der Meditation. Doch nicht nur die Welt, auch der Mensch hat seine Tiefen. Es gibt das Denkbewusstsein, aber auch das Tiefenbewusstsein, die rationale und emotionale Ebene, Animus und Anima, Geist und Seele, Intuition, Trieb und Gefühl. In der Meditation geht es darum, auch hier die Tiefenschichten lebendig werden zu lassen. Sich selber finden, zu sich selber kommen. Wer bin ich? Wo stehe ich? Macht mein Lebensstil Sinn? Es geht um Innerlichkeit, um Innesein, Daseinfühligkeit. Martin Buber schreibet: «Mit dem Herzen denken und mit dem Verstand fühlen.» Meditation kann ein Weg zum vollen Menschsein bedeuten, ein Weg zur Begegnung mit sich selber und wohl auch einmal mit Gott. Meditation als Weg zum Glauben als Vertrauen. Ein Abstieg in die Tiefe meines eigenen Seins.

Einschränkung, dafür Vertiefung. Muss das gelernt sein?
Ein Kurs ist sehr hilfreich. Sie muss aber vor allem geübt sein. Der ganze Mensch kommt ins Spiel. Schon das Sitzen und die Atmung sind wichtig, die Körperhaltung und der Raum. Der Schwerpunkt rutscht vom Kopf in den Bauch. Es gibt eine naturale und eine religiöse Meditation, oft auch Betrachtung genannt. Eine Wort – und eine Bildmeditation. Man meditiert Symbole, hört Musik, vertieft sich in einen Gegensatz, ein Stillleben, eine Ikone. Man meditiert aber auch Erfahrungen, biblische Worte, ein Gedicht, ein Erlebnis, eine Erzählung. Immer geht es aber um die Ruhe und Stille, um ein Einswerden, um ein Berührtwerden, um das grosse Schweigen darum, sich berühren zu lassen, zu staunen und sich zu öffnen. Es geht um die Innerlichkeit, um den heiligen Geist. Hier möchte ich auch einer kleinen Geschichte zitieren, die das Gemeinste verdeutlicht. «Der kleine Nachtwächter eines unbedeutenden Dorfes findet im Mondschein ein vierblätteriges Kleeblatt. Er weiss, dass das Glück bringt. Aus Freude darüber bläst er sein Horn, ruft die Dorfbewohner zusammen. Der Poet, die Marktfrau, der Schmied, das Blumenmädchen und der Lausejunge kommen herbeigeeilt. Das Glück besuchte mich heute Nacht, verkündet der kleine Nachtwächter freudestrahlend. Und alle setzen sich nieder und warten auf das Glück, das sich im Kleeblatt angekündigt hatte. Es wird ganz ruhig. Alle lauschen in die Nacht hinaus. Der Wind raschelt leise in den Blättern, die Nachtigall singt im nahen Wald, ab und zu schwirrt eine Fledermaus vorbei – sonst ist aber nichts zu vernehmen. Die Nacht hat sich ausgebreitet mit ihrer tiefen Ruhe. «Wann kommt endlich das Glück!», ruft der Lausejunge. Der Poet aber, die Marktfrau, der Nachtwächter und das Blumenmädchen – sie alle verstehen, dass das Glück bereits eingezogen ist. Sie sitzen und hören und lauschen bis zur Morgendämmerung.»

Hat sich durch diese neue Spiritualität Ihre Beziehung zu Gott verändert?
Ja, dass ich Gott nicht mehr als Person anspreche. Gott ist viel mehr überall. Er ist ein Geheimnis, hinter das ich nicht mehr zu kommen versuche. Ich habe mich von diesen massiven Gottesbildern der Bibel gelöst. Gott ist für mich einfach das grosse Geheimnis, in dem ich lebe. Mein Gottesbild hat sich dadurch ins Positive verändert. Ich fühle mich besser in ihm aufgehoben.

Werden dadurch auch die Gedanken an den Tod beeinflusst?
Ich denke oft ans Sterben. Und ich muss gestehen, dass ich vor dem Sterben Angst habe. Denn ich lebe so gerne. Ich habe auch Mühe, mir vorzustellen, wie es weitergehen soll. Die ganze Frage der Unsterblichkeit ist für mich je länger desto stärker ein grosses Rätsel. Rational ist esso schwer vorstellbar, wie Milliarden von Menschen einzeln vor Gott treten und gerichtet werden. Da bleibt nur eine ganz grosse Hoffnung. Und dann das Problem der persönlichen Unsterblichkeit. Es gibt auch Theologen, die meinen, eine Unsterblichkeit, eine Ewigkeit sei fürchterlich, weil es nie zu Ende gehe. Da ist die Idee des Nirwana, das Eingehen in eine grosse Energie, für viele eine erträglichere Vorstellung. Die persönliche Unsterblichkeit ist ein Komplex, mit dem ich theologisch aktuell am meisten Probleme habe.

Wahrscheinlich hat jeder Mensch Angst vor dem Sterben, weil es ein unbekannter Prozess ist.
Es ist die Angst vor dem Sterbevorgang. Es gibt viele Meinungen zu diesem Prozess. Aber letztlich sind sie Spekulationen.

Glauben Sie, als Priester leichter zu sterben?
Hans Urs von Balthasar hat immer gesagt, er hoffe, dass alle Menschen gerettet werden. Ich rechne mit einer Allerlösung, alle Menschen sollen gerettet werden. Für Gott wäre eine Hölle unerträglich. Aber wie kommen dann die Opfer des Holocausts zu ihrem Recht? Karl Rahner und von Balthasar glaubten, dass Gott nicht straft, sondern dass jeder Mensch sich selber bestraft. Es ist kein strafender Gott, sondern ein barmherziger Gott, der dafür sorgt, dass wir uns selber zur Rechenschaft ziehen.

* Josef Bommer, ein Gespräch mit Anton Ladner, Theologischer Verlag Zürich, 2013. Foto: pixabay.com