Freitag, 13 Oktober 2017 09:54

Wo sind sie geblieben?

Kirchen sind auf Freiwillige und Ehrenamtliche angewiesen. Doch die Bereitschaft, sich intensiv für die Kirche zu engagieren, wird immer schwächer.
Andreas Borter, Fachmann für Männerfragen. Foto: Annette Boutellier
Esther Kissling, Walliseller Kirchen-
pflegepräsidentin: «Ich bin der Meinung,
dass sich jeder, der es sich leisten kann,
neben der bezahlten Arbeit auch
ehrenamtlich engagieren sollte.»

Esther Kissling ist auf dem Weg zu einer Sitzung. Es geht um ein grosses Bauprojekt der reformierten Kirche Wallisellen ZH: ein neues Kirchenzentrum. Sie ist Präsidentin der Kirchenpflege auch in der Baukommission tätig. Zu ihren Aufgaben zählt, die Zukunft der Kirchgemeinde mitzuentwickeln und diese Entwicklung nach aussen hin zu vertreten.

Beruflich «vorgebildet»

Die 61-Jährige ist es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und an der Spitze mittelgrosser Organisationen zu stehen. Die ausgebildete Forstingenieurin amtete unter anderem schon als Stadtforstmeisterin der Stadt Zürich und als Chefin des Familienunternehmens Kissling, das zu den Marktführern im Bereich Getriebetechnologie gehört. Auch im kirchlichen Umfeld sammelte die Wallisellerin schon Erfahrung – als Sonntagsschullehrerin, Leiterin der Abteilung «Diakonie und Seelsorge» der reformierten Zürcher Landeskirche und als Kirchenpflegepräsidentin in der Gemeinde Niederhasli-Niederglatt. «Ich wusste also, was hier in Wallisellen auf mich zukommt», sagt sie, «auch wenn ich festgestellt habe, dass sich die Aufgaben seit meiner Zeit in Niederhasli massiv vervielfacht haben.» Offiziell bekleidet Esther Kissling ein Vierzig-Prozent-Ehrenamt. Schaue man genauer hin, seien es aber eher fünfzig Prozent, Sonntags- und Abendeinsätze inklusive.

Innerhalb dieses Pensums gilt es viel zu bewältigen. Als Vorgesetzte fast aller Mitarbeiter ist Esther Kissling zum Beispiel bei Mitarbeitergesprächen beteiligt. Hinzu kommen regelmässige Sitzungen mit der Kirchenpflege – im Regelfall alle drei Wochen.

Qualifikationen, wie sie Esther Kissling mitbringt, sind für das Engagement in der Kirchenpflege nützlich und wünschenswert – eine Voraussetzung können sie nicht sein. Denn es ist schwierig, überhaupt Personen zu finden, die sich für die Wahl in die Kirchenpflege zur Verfügung stellen.

Unverzichtbare Freiwillige

Gemäss Erhebungen des Bundesamts für Statistik (BFS) verrichtet rund ein Drittel der ständigen Wohnbevölkerung ab fünfzehn Jahren in der Schweiz eine wie auch immer geartete freiwillige Arbeit. Insgesamt wurde ein Zeitaufwand von geschätzten 665 Millionen Stunden geleistet. Zum Vergleich: Das gesamte Gesundheits- und Sozialwesen kam im selben Zeitraum auf 853 Millionen Stunden bezahlte Arbeit. Zwanzig Prozent der Schweizerinnen und Schweizer – etwa 1,4 Millionen Menschen – engagieren sich in Organisationen oder Institutionen und wenden pro Monat durchschnittlich 13,3 Stunden auf. Vom freiwilligen Engagement profitieren vor allem die Sportvereine; auf sie entfallen 13,5 Prozent der institutionell freiwillig Engagierten. 8,7 Prozent sind für kulturelle Vereine aktiv, 6,3 Prozent für sozial-karitative Institutionen. Die Kirchen konnten auf 5,4 Prozent der institutionell engagierten Freiwilligen zählen.

Es ist aber ein Zeichen der Zeit, dass Ehrenämter nur schwer zu besetzen sind. Es gibt immer weniger potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten. Und die wenigen überlegen sich ein Engagement in der Regel reiflich. Viele Landeskirchen unterscheiden klar zwischen Ehrenamtlichen und Freiwilligen. Dies zeigt ein Blick in den «Leitfaden zur Freiwilligenarbeit für reformierte Kirchgemeinden», den verschiedene deutschsprachige Landeskirchen miteinander erarbeitet haben. «Behördenmitglieder, oft auch Ehrenamtliche genannt, sind für eine Amtszeit gewählt, mit spezifisch definierter Verantwortung und Kompetenz», heisst es da.

Unter anderem ist der finanzielle Aspekt gemäss Leitfaden ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Ehrenamtlichen und Freiwilligen, die sonntags zum Beispiel beim «Kirchenkafi» helfen: «Teilweise erhalten Ehrenamtliche Sitzungsgelder oder Pauschalentschädigungen.» Wie viel das im Einzelfall ist oder sein sollte, ist nicht näher definiert. «Die Höhe dieser Beträge fällt bei uns in den Zuständigkeitsbereich der Kirchgemeinden, die solche Gelder im Rahmen ihres Spesenreglements festlegen», sagt Ursula Trachsel. Zusammen mit Annemarie Bieri ist sie zuständig für die Beratung und Weiterbildung der kirchlichen Behörden bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn («Refbejuso»).

Beide sehen kein Problem darin, die eigentlich freiwillige Arbeit der Ehrenamtlichen zu entschädigen. «Erstens liegen die Beträge fernab dessen, was man bei einer festen Anstellung verdienen würde; zweitens ist es üblich, dass Behördenmitglieder – auch in politischen Gemeinden – ein kleines Entgelt für ihren Einsatz bekommen.» Und ganz wesentlich: Mit der Arbeit eines Kirchgemeinderats seien auch viel umfassendere Aufgaben und Verantwortungen verbunden als bei Freiwilligen. Sie seien vergleichbar mit dem, was ein Gemeinderat auf politischer Ebene leistet.

Idealprofil bleibt Wunsch

In den 214 Kirchgemeinden der «Refbejuso» sind rund 1500 Ehrenamtliche tätig. Betrachtet man das idealtypische Anforderungsprofil an diese Personen, wird klar, weshalb diese Stellen schwierig zu besetzten sind. Ursula Trachsel: «Wünschenswert sind Führungskompetenzen, das Bewusstsein für die langfristig leitende, strategische Rolle als Kirchgemeinderat, Kenntnisse vom Aufbau und der Funktionsweise unserer Kirche sowie eine Affinität für eine Tätigkeit, die nicht in erster Linie Basisarbeit bedeutet.» Wie viele Behördenmitglieder tatsächlich diesem Idealbild entsprechen, lässt sich natürlich nicht eruieren. «Das Besetzen der Ehrenämter ist auch deshalb schwierig, weil berufstätige Menschen zeitlich meist stark ausgelastet sind», ergänzt Annemarie Bieri. «Und da die Kirche gesamtgesellschaftlich leider an Stellenwert eingebüsst hat, ist sie oft nicht mehr erste Wahl, wenn sich jemand bei einer Organisation engagieren will.» Die Konsequenz: Häufig werden vakante Posten in stillen Wahlen besetzt, weil nur gerade ein Kandidat oder eine Kandidatin zur Verfügung steht.

Wer sind also die Ehrenamtlichen in den Kirchgemeinden der «Refbejuso»? Ein grosser Teil von ihnen seien Frauen und frisch Pensionierte, sagen Ursula Trachsel und Annemarie Bieri. Die «Refbejuso» tut viel dafür, Behördenmitglieder bei der Arbeit zu unterstützen. Ein Onlinehandbuch für Kirchgemeinderäte sowie Weiterbildungskurse zu Themen wie «Neu im Kirchgemeinderat», «Mitarbeitergespräche führen» oder «Schwierige Themen gekonnt kommunizieren» sollen vor allem Neulingen helfen, sich in ihren Ämtern zurechtzufinden.

50 000 Tage ehrenamtlich im Einsatz
Die Heilsarmee, international Salvation Army genannt, ist in 126 Ländern aktiv und verfügt über 1,73 Millionen Mitglieder, die sich insgesamt um 5873 Sozialinstitutionen kümmern. Gegründet wurde das salutistische Werk als «Christliche Mission» 1865 von William Booth in den Elendsvierteln im Osten Londons, weil die Randständigen nicht in die Kirche gingen. Booth brachte deshalb die Kirche zu ihnen. Seither ist das Werk diesem Grundsatz treu geblieben, wobei mit Kirche nicht in erster Linie die christliche Botschaft gemeint ist, sondern die konkrete Nachfolge Christi: nämlich Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Pflege und Fürsorge zu gewähren für Bedürftige, wie das im Matthäusevangelium umschrieben ist. 17 Jahre nach der Gründung entstand in der Romandie der erste Schweizer Ableger. Heute zählt die Heilsarmee in der Schweiz 4000 Salutistinnen und Salutisten, die ein Gelübde abgelegt haben, in der Nachfolge Christi auf den Konsum von Alkohol, Tabak, anderen Drogen, auf Glücksspiel und Pornografie zu verzichten. Hinzu kommt ein Heervon Freiwilligen, die pro Jahr über 50 000 Tage ehrenamtlich arbeiten.
Grosses Bild: Ein Konzert des Musikvereins auf dem Kirchenplatz. Ohne Freiwillige bliebe es still. Foto: pixabay.com