Montag, 18 Juni 2018 11:33

Willkommen! Tatsächlich? Empfehlung

Gibt es im Gottesdienst eine Willkommenskultur? Martin Conrad vom Liturgischen Institut beantwortet die Frage, indem er heikle Punkte ausleuchtet.
Das Institut
Das Liturgische Institut, gegründet im Jahr 1963, ist ein Kompetenzzentrum für Fragen des Gottesdienstes in der katholischen Kirche. Heute stehen folgende Aufgaben besonders im Zentrum: das Stärken und Begleiten des gottesdienstlichen Lebens in der deutschsprachigen Schweiz, sich aktuellen Fragen stellen, Entwicklungen reflektieren und Handlungsoptionen formulieren, mit anderen kirchlichen Institutionen der Schweiz und im deutschen Sprachgebiet kooperieren.

Das Wort «Willkommenskultur » ist vielen von uns eher im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise geläufig: Fremde sollen freundlich und wohlwollend empfangen werden, sodass sie sich am neuen Ort gut einleben können. Gibt es auch im Gottesdienst eine Willkommenskultur für Fremde und Neue?

Viele von Ihnen kennen wahrscheinlich das dicke Messbuch, das während der Eucharistiefeier auf dem Altar liegt und aus dem der Priester die Gebete spricht. Darin steht auch der «Ordo Missae», die «Ordnung der Messe», eine Beschreibung, wie eine Messe ablaufen soll. Der erste, eher unauffällige Satz dieser Ordnung ist vielleicht einer der wichtigsten: «Die Gemeinde versammelt sich.» Der Gottesdienst beginnt also nicht erst mit dem Einzug oder der Begrüssung durch den Priester, sondern mit dem Zusammenkommen, dem Miteinander.

Versammlen – gar nicht so einfach

Dieses Versammeln ist nicht selbstverständlich. Wenn wir einen Blick von aussen auf uns im Gottesdienst werfen, hat man manchmal den Eindruck, dass wir eher vereinzelt sind. 20 Bankreihen mit zwei Personen pro Bank – das sieht nicht unbedingt nach einer Versammlung aus. Auch wenn es schön wäre, wenn man ein wenig näher zusammenrücken würde, haben manche wohl gute Gründe, ein wenig Raum um sich zu lassen. Hauptsache ist, dass sie überhaupt in den Gottesdienst kommen. Ich selber finde es ja auch nicht schlimm, ich kenne «meine» Gemeinde und fühle mich in ihr aufgehoben, auch wenn Frau Meyer zwei Reihen vor mir sitzt und Herr Stucki drei Reihen hinter mir. Irgendwie sind wir ja doch eine Versammlung!

Die schöne Ordnung der gottesdienstlichen Versammlung in unserer konkreten Versammlung wird manchmal aber etwas in Unordnung gebracht. Dann nämlich, wenn plötzlich «andere», fremde und neue Menschen am Gottesdienst teilnehmen. Weshalb sind sie das? Sind sie Neuzuzüger? Haben sie sich aus einem persönlichen Erlebnis (einem traurigen oder einem frohen) heraus entschlossen, mal wieder in einen Gottesdienst zu gehen? Ist ihnen ein Pfarrbrief mit der Einladung zu diesem Gottesdienst in die Hände gefallen? Und sie haben diese ernst genommen? Sind es Eltern, deren Kinder frisch getauft wurden oder die neu im Unti sind? Sind es Kinder, die zur Erstkommunion kommen? Egal aus welchem Grund: Sobald sie da sind, gehören sie eigentlich zu unserer Versammlung. Nur: Merken sie das auch? Viel eher ist es doch so, dass sie sich fremd vorkommen, kritisch beäugt. Oder geht es ihnen wie mir mit meiner Familie einmal, als wir zurechtgewiesen wurden, weil wir uns unwissentlich auf den Stammplatz eines älteren Ehepaares gesetzt hatten? Wie können wir also unsere Gottesdienste gastfreundlicher gestalten? Mir geht es nicht um grosse Aktionen. Sinnvoller ist es, dass wir darüber nachdenken, was wir, Sie und ich, beitragen können. Denn jede und jeder Einzelne kann helfen, dass sich Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer willkommen fühlen – eben als Teil der Versammlung.

Freude über die Banknachbarin

Es ist schön, zu sehen, wie sich Leute, die sich schon lange kennen und wahrscheinlich immer nebeneinandersitzen, in der Kirchenbank gegenseitig herzlich begrüssen, mit Handschlag oder gar Küsschen. Wer fremd und neu ist, beobachtet dies, wird aber selbst oft nicht wahrgenommen. Natürlich soll ich alte Bekannte weiterhin freundschaftlich begrüssen – aber vielleicht auch die unbekannte Banknachbarin wahrnehmen, an der ich mich vorbeizwängen muss, ihr freundlich zunicken oder das Gesangbuch reichen.

«Die Predigt eines Kindes in der Kirche ist schöner als die eines Priesters, eines Bischofs und des Papstes!» Dies sagte Papst Franziskus vor einiger Zeit. Wenn der Gottesdienst damit beginnt, dass alle versammelt sind, dann muss es auch Platz für Kinder haben, die eben nicht immer diszipliniert und ruhig dasitzen, sondern auch lebhaft und laut sind. Die Kinder, aber vor allem die Eltern sind dankbar für ein freundliches Lächeln – statt bösen Blicken –, das ihnen zeigt: Es ist gut, dass ihr da seid – ihr seid die Zukunft unserer Gemeinde. Spätestens der Friedensgruss bietet eine wunderbare Gelegenheit, zu zeigen, dass die Anwesenheit von Kindern ein Geschenk für die Kirche, die Gemeinde und unsere Versammlung ist.

Zum Apéro einladen

Ein diskretes und freundliches Willkommen gegenüber neuen Gesichtern im Gottesdienst, eine wohlwollende Offenheit gegenüber Kindern und eine einladende Geste zur Gemeinschaft: Das sind drei kleine, aber wichtige Schritte hin zu einer Willkommenskultur in unseren Gottesdiensten. Vielleicht fallen Ihnen ja noch weitere ein, die Sie machen können. Denn genau das ist wesentlich für unseren Gottesdienst, der eigentlich erst beginnt, wenn wir wirklich versammelt sind.

Foto: pixabay.com