Montag, 01 Mai 2017 09:57

Wenn die Mehrheit schweigt

Die Kirchgemeindeversammlung ist das oberste Organ der Kirchgemeinde. Stimmberechtigt sind alle Mitglieder ab 16 Jahren – unabhängig von ihrer Nationalität. Aber was tun, wenn fast niemand mehr an die zwei Versammlungen pro Jahr kommt?

In der Regel ist es im Frühling und im Herbst jeweils nach dem Sonntagsgottesdienst so weit: Im Gemeindesaal findet die Kirchgemeindeversammlung statt. Neben den Mitgliedern der Kirchenpflege und des Pfarreirats kann man die Stimmberechtigten, die sich sonst noch einfinden, oft an einer Hand abzählen. Das Seelsorgeteam sitzt nicht selten hinten als Besucher, da es ausserhalb des Kirchensprengels wohnt und deshalb nicht stimmberechtigt ist. Das ist heute in vielen Kirchgemeinden die Realität. Die Kirchensteuer zahlende Mehrheit bleibt fern, will keine Jahresrechnungen abnehmen, kein Budget genehmigen. Dafür gibt es zahlreiche Gründe:

  • Die Kirchenbesucher wollen nach Hause, um zu kochen und zu essen.
  • Die Kirchenbesucher wollen in einem Restaurant essen, nach der Versammlung wäre es dafür zu spät.
  • Die Kirchenbesucher vertrauen der Kirchenpflege und erachten es als überflüssig, sich mit den Betriebszahlen der Kirchgemeinde zu befassen.
  • Die Kirchbesucher wollen nur den Gottesdienst besuchen, sich aber nicht stärker in die Gemeinde eingeben.

Die Gründe für die Abwesenheit der Nichtkirchenbesucher sind schwieriger zu ermitteln. Denn 92 bis 95 Prozent der Gemeindemitglieder besuchen heute nicht mehr den Gottesdienst, betrachten sich aber – Kirchensteuer zahlend – immer noch als Mitglied der Kirche. Sie bleiben den Kirchgemeindeversammlungen aus unterschiedlichsten Motiven fern:

  • Sie sind mit der Gemeindeleitung nicht einverstanden.
  • Sie besuchen den Gottesdienst in einer anderen Kirche.
  • Sie verbringen die Wochenenden ausserhalb des Wohnorts.
  • Sie fühlen sich so kirchenfern, dass sie nicht am Gemeindeleben teilnehmen wollen.
  • Sie finden Gottesdienste und Gemeindeversammlungen langweilig.
  • Sie erachten Gottesdienste und Gemeindeversammlungen als Angebote für «Supergläubige», was sie nicht sein wollen.
  • Sie sind mit einem Gottesdienstbesuch an Weihnachten bedient.
  • Sie bleiben aus Tradition Gemeindemitglied, um ihre Kinder taufen lassen zu können oder weil sie nach dem Tod eine kirchliche Abdankung wünschen.
  • Sie denken, in die Kirche zu gehen passe nicht zum Image.
Neuer Ablauf
  • Die Kirchgemeinde als Einzelanlass unter der Woche planen und mit einer grossen Vorlaufszeit ankündigen. Danach mehrere «Reminder» platzieren.
  • Die Mitglieder aktiv animieren, teilzunehmen. «Wir wagen etwas Neues für Sie, zeigen Sie uns mit ihrer Präsenz, ob Ihnen das gefällt.»
  • Ein klar angekündigtes Rahmenprogramm mit Zeitangaben offerieren und publizieren, zum Beispiel Apéro riche, Kinderbetreuung, musikalische Umrahmung.
  • Einen Themenschwerpunkt ankündigen.
  • Einen Gastreferenten zu einem bestimmten Thema einladen.
  • Auf allen Kommunikationskanälen auf die Kirchenversammlung und deren neue Durchführungsform hinweisen.

In vielen Kirchgemeinden herrscht in dieser Frage so viel Resignation, dass man das Thema grundsätzlich meidet. Dass sich nur ein Grüppchen zur Versammlung einfindet, wird ebenso wenig thematisiert wie die Tatsache, dass eine überwältigende Mehrheit der Kirchgemeinde dem Gemeindeleben fernbleibt. Unausgesprochen herrscht der Geist der Maxime «Die Abwesenden haben immer Unrecht». Da schwingt auch immer ein wenig das Gefühl mit, den Abwesenden überlegen zu sein, moralisch besser dazustehen als sie. Aber vielleicht haben die Abwesenden Recht, weil diese Gemeindeversammlungen todlangweilig sind, Jahr für Jahr gleich verlaufen und jedes Mal das Gefühl hinterlassen, die Zeit verplempert zu haben.

Kreativität ist gefragt

Wenn Gemeindeverantwortliche mehr Leben und mehr Lebendigkeit an ihren Kirchgemeindeversammlungen wünschen, ist auch entsprechende Kreativität gefordert. Ein guter Ausgangspunkt für Veränderungen sind die folgenden zwei Fragen: Machen wir etwas falsch, dass nur so wenige Gemeindemitglieder kommen? Und wenn ja, was? Den «Fehler» bei den Verantwortlichen zu suchen und nicht bei den anderen, öffnet Tür und Tor für neue Ideen und entsprechende Veränderungen. Wenn der gängige Rhythmus aufgebrochen wird, fällt das schnell als Veränderung auf. Konkret: Statt die Kirchgemeindeversammlung wie immer nach dem Gottesdienst durchzuführen, könnte sie neu an einem Abend um 18.30 Uhr mit anschliessendem Apéro plus Kinderbetreuung angesetzt werden. Statt eine weitschweifige Tour d’Horizon durch die Jahresrechnung oder das Budget zu absolvieren, könnte ein Thema herausgegriffen und vertieft werden oder ein Gastreferent zu einem aktuellen Thema eingeladen werden, mit anschliessender Diskussion. Als Themen bieten sich je nach Konfession an: die Entwicklung der Seelsorgeräume, die Erfahrungen damit heute, oder der Zusammenschluss der Kirchgemeinden, dessen aktueller Stand, Schwierigkeiten und positive Erfahrungen; ferner die Priesterausbildung in der Schweiz heute, oder die Reformationsfeierlichkeiten im Kanton. Solche Themen durchbrechen den Gemeindealltag und schaffen Möglichkeiten, Gemeindemitglieder in einem anderen Kontext mit Meinungsäusserungen wahrzunehmen und mit ihnen später auch ins Gespräch zu kommen.
Das ist Ausdruck einer Gemeinde mit Leben und Lebendigkeit. Natürlich verursacht das einen Mehraufwand an Planung, Organisation und Aufräumarbeit, und viele Gemeindeleitungen stehen bereits am Limit. Es ist deshalb legitim, die Kirchgemeindeversammlung zulasten anderer Angebote neu zu gewichten. Konkret: Es ist nie schlecht, den alten Rhythmus zugunsten eines Neuangebots zu durchbrechen. Schlecht besuchte Angebote, die seit Jahren durchgeführt werden, dürfen zur Bündelung der Kräfte gestrichen werden. Nur so kann Neues entstehen, das für Dynamik innerhalb der Gemeinde sorgt. Oft befürchten die Gemeindeverantwortlichen in solchen Fällen eine Reaktion in der Gemeinde, die sich später oft als reine Projektion erweist. Denn auch ältere Menschen lieben Veränderungen und hängen viel weniger an Gewohnheiten, als allgemein vermutet wird. Wer eine Gemeinde voller Leben und Lebendigkeit wünscht, muss Neues wagen.

Leere Stuhlreihen sind heute die Konstante an Kirchengemeindeversammlungen. Foto: pixabay.com