Mittwoch, 14 März 2018 14:39

Was Krimis mit Theologie zu tun haben

Ulrich Knellwolf, als Krimi schreibender Pfarrer bekannt geworden, ist mit seinem Buch «Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber» zum theologischen Kerngeschäft zurückgekehrt. Ob Gott vertrauenswürdig ist, lautet eine der Grundfragen seines neuen Buchs.

Ja, genau so stellt man sich die Studierstube eines Mannes vor, bei dem das Wort im Zentrum steht: Wände voller Büchergestelle und ein paar behagliche Sitzgelegenheiten, um in Ruhe lesen zu können. Und natürlich ein Schreibtisch, oder hiersogar zwei, denn Ulrich Knellwolf und seine Frau teilen sich die Büroräumlichkeiten in ihrer Wohnung in Zollikon, hinter deren metikulöser Aufgeräumtheit man die sorgfältige Disziplinierung eines stets drohenden Überquellens ahnt. In der nahen Kirche des Diakoniewerks Neumünster predigt Ulrich Knellwolf, 76 Jahre alt, aber keinesfalls den Vorstellungen zu diesem Alter entsprechend, heute noch einmal im Monat, im Neumünster in Zürich viermal im Jahr. Die Predigt sei als Instrument noch lange nicht erschöpft, meint Ulrich Knellwolf, man mute ihr seit der Reformation nur entweder zu viel oder zu wenig zu – doch davon später. Zuerst einmal, es geht gar nicht anders, möchte man von Ulrich Knellwolf wissen, ob ihm, der vor 23 Jahren mit «Tod in Sils Maria» quasi über Nacht zu Bekanntheit gelangte, das Krimischreiben inzwischen verleidet sei? «Der Krimi ist für mich als Genre theologisch nicht mehr interessant, seit er mit aufgesetzten moralisierenden Aspekten überladen wurde – man schaue sich etwa Henning Mankell oder Donna Leon an», erklärt Ulrich Knellwolf, der vor ungefähr elf Jahren seinen bislang letzten Krimi schrieb. Sein Interesse für narrative Theologie hätte ihn zur Krimischreiberei gebracht, doch die klassischen Krimis wie im Vorabend-Fernsehen funktionierten immer nach demselben Schema: Ein Täter muss gefunden, die Ordnung am Ende wiederhergestellt werden. Genau das aber setze ein mythisches Bild einer geschlossenen Welt voraus, in der es darum gehe, etwas Verlorenes, aus den Fugen Geratenes wiederherzustellen. Die Frage: «Wer war es?», interessiert Knellwolf aber gar nicht, seine Täter sind trotz gröbster Vergehen mitunter sehr sympathisch und kommen sogar davon; ihm geht es um das «Warum?». Wie rutscht jemand in etwas Übles hinein?/p>

Keine perfekte Schöpfung

Und eh man sichs versieht, ist man mit Ulrich Knellwolf mitten in einem theologischen Diskurs – dann, wenn er auf den springenden Punkt kommt, der Krimi und Theologie verbindet. Beide sollten, wenn sie sich nicht selbst verraten wollen, in ihrem Kern nicht die Moral, sondern den Menschen sehen und auf Gott, nicht auf sich selbst verweisen. Die Ordnung, die moraltriefende Krimis wiederherstellen wollen, das geschlossene Ganze ist Knellwolf suspekt – und so nennt er sein Buch zu Gott und der Welt im Untertitel eben auch «Stückwerk». Ein Stückwerk wie die Decke, die seine Grossmutter aus Stoffresten zusammennähte, als sie gerade nichts anderes zur Hand hatte. Etwas nicht ganz Vollkommenes, so wie die Schöpfung. Die Vorstellung einer «perfekten» Schöpfung hält Ulrich Knellwolf für eine Ideologie, den menschlichen Sündenfall für überbewertet. Obwohl er selbst von dieser Auslegung der Bibel anfänglich sehr angetan war.

«Die christliche Gemeinde ist viel grösser als wir meinen und beschränkt sich nicht auf das sichtbare Segment, das zwar Zentralpunkt und Multiplikator, aber nicht das Ganze ist.»

Der Autor Ulrich Knellwolf in seinem Bücherreich. Foto: Nagel + Kimche AG