Donnerstag, 27 Juli 2017 11:59

Tropische Herausforderung

Thermische Sanierungen, moderne Bauweisen und gesetzliche Vorschriften zielen darauf ab, den Wärmeverlust in Gebäuden zu senken. Eine dichte Gebäudehülle aber erschwert den Luftaustausch. Richtiges Lüften ist deshalb nicht nur im Winter eine Kunst – auch im Sommer müssen Regeln beachtet werden – insbesondere bei Bauten mit Wandmalereien, Massivholzeinbauten oder Orgeln.

Viele Kirchen sind im Sommer gut besucht, versprechen sie doch den Gästen an heissen Tagen nicht nur Ruhe und Einkehr, sondern auch erfrischende Kühle. Was gut ist für die Kirchgemeinde, belastet aber das Kirchgebäude: Häufiges Öffnen der Türen lässt warme und feuchte Luft eindringen. Die kühle Innenluft aber nimmt weniger Wasserdampf auf, das überschüssige Wasser setzt sich auf Oberflächen ab und kann den Befall mit Schimmelpilzen fördern, die Bausubstanz angreifen und physikalischen, chemischen oder biologischen Prozessen aussetzen. Und weil feuchte Mauern Wärme besser leiten, droht mittelfristig ausserdem ein Verlust der Dämmwirkung.

Die absolute Luftfeuchtigkeit ist schwer zu messen, verändert sich durch Temperatur- und Druckänderungen und wird in Gramm pro Kubikmeter Luft angegeben. Aussagekräftiger, leichter zu messen und deshalb relevant für Empfehlungen zum Raumklima ist die relative Luftfeuchtigkeit, also das prozentuale Verhältnis zwischen dem momentanen Dampfdruck und dem Sättigungsdampfdruck: Bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent enthält die Luft also nur die Hälfte der Wasserdampfmenge, die sie bei der entsprechenden Temperatur maximal enthalten könnte. 50 Prozent sind für Wohnräume ein angemessener Wert, weil wir uns körperlich bei diesen Werten am wohlsten fühlen. Für Kirchen, Keller- und Lagerräume aber wird eine Luftfeuchtigkeit von 65 Prozent empfohlen; der untere Grenzwert von 40 und der obere von 70 Prozent sollten dabei nicht dauerhaft überschritten werden.

Messen und rechnen

Aber ohne entsprechende Messinstrumente, also einem Hygrometer, lässt sich auch die relative Luftfeuchtigkeit nicht exakt bestimmen. Will man durch Lüften die relative Feuchte in Innenräumen reduzieren, muss aber der Wert der absoluten Feuchte draussen niedriger sein als drinnen, was im Hochsommer eigentlich nur in den frühen Morgenstunden der Fall ist. Einen einfachen Hinweis kann eine gefüllte Wasserflasche geben, die in Wandnähe gelagert wird. Beschlägt sie, sobald sie ins Freie getragen wird, sollte nicht gelüftet werden. Enthält aber eine Kirche historische Bausubstanz, wertvolle Kunstwerke oder grosse Materialwerte wie zum Beispiel eine Orgel, fällt man wahrscheinlich den Entscheid besser nicht aufgrund des Beschlags auf einer Wasserflasche. Fachleute betonen, dass Entscheidungen zur Verbesserung des Feuchtehaushalts in Innenräumen nicht von Menschen getroffen werden können – sondern nur vom Rechner. Und auch das manuelle Lüften stösst schnell an seine Grenzen, wenn man das Raumklima stabil halten möchte. Mit überschaubarem Aufwand aber lässt sich eine automatische Feuchtesteuerung über koordinierte Fensterstellmotoren realisieren – eine exakte Regelung auf einen eingestellten Sollwert ist jedoch nur mit aufwendigeren Be- und Entfeuchtungsanlagen möglich. Merkblätter der Landeskirchen und von spezialisierten Unternehmen geben dazu nähere Auskünfte.

Die Mischung macht's – die Regulierung der Luftfeuchtigkeit im Gebäudeinnern ist im Sommer eine Kunst. Foto: pixabay.com