Montag, 19 Februar 2018 10:58

«Trauer ist keine Krankheit»

Rund ums Trauern
Trauerbegleiterinnen
Antoinette Brem (links) und Barbara Lehner leiten seit 2005 gemeinsam das Kleinunternehmen «Lebensgrund – Begleitung in Übergängen» in Luzern und bieten unter anderem Trauerseminare, Trennungs- und Abschiedsrituale sowie das Gestalten von Trauerfeiern an. Den Ausbildungslehrgang in Trauerbegleitung, den sie ursprünglich im Auftrag der Kirche durchführten, haben sie inzwischen vollumfänglich übernommen. Er ist nach den Richtlinien des deutschen Berufsverbandes für Trauerbegleitung konzipiert.
Die katholischen Theologinnen Antoinette Brem und Barbara Lehner bieten in ihrem Unternehmen «Lebensgrund» Seminare für Trauernde an und bilden in Kursen Trauerbegleiter aus. sie verstehen sich als eine Art Hebammen, die dabei helfen, dass ein Trauerprozess überhaupt stattfinden kann.
Antoinette Brem, Barbara Lehner, Sie sind katholische Theologinnen, warum bieten Sie in einem eigenen Unternehmen Seminare für Trauernde und Kurse in Trauerbegleitung an?

Lehner: Ich habe mit fünf Jahren meinen Vater verloren. Das hat mich geprägt. Zudem haben wir beide in der Spital- und der Betagtenseelsorge gearbeitet: Dort ist das Thema Trauer sehr präsent. Es geht auch um Neuorientierung nach einem Verlust. Schliesslich kam die Katholische Landeskirche Luzern auf uns zu. Sie wollte zunächst Seminare für Trauernde anbieten und später einen zweijährigen Lehrgang in Trauerbegleitung für Mitarbeiter in der Seelsorge und der Diakonie. Der Lehrgang lief ursprünglich als Angebot der Kirche. Wir haben ihn später übernommen, um selbständiger entscheiden zu können.

Wie gross war das Bedürfnis unter den Seelsorgern?

Lehner: Es waren dann vor allem Personen aus nichtkirchlichen Kreisen, die unser Angebot nutzten, besonders Pfleger und Frauen, die ihre Angehörigen in einer Trauerphase begleitet hatten. Seelsorger hingegen kamen nur wenige.

Brem: Wir haben Pfarreimitarbeiter nach den Gründen für ihr Wegbleiben gefragt. Sie antworteten, sie sähen zwar Potenzial in der Trauerbegleitung und würden ihr gern einen Teil ihrer Arbeit widmen, doch gebe es keinen Platz dafür im Rahmen ihrer Anstellung.

Machen Sie den Pfarreien nun seelsorgerliche Konkurrenz?

Brem: Das war nie beabsichtigt. Unser Angebot ist ergänzend. Es spricht häufig Leute an, die aus der Kirche ausgetreten sind oder sich nicht an die Pfarrei wenden möchten. Immer mehr Leute suchen ausserhalb von Pfarreien nach Unterstützung in schwierigen Situationen.

Lehner: Wir weisen aber kirchlich verwurzelte Menschen auf die Möglichkeiten in den Pfarreien hin. Umgekehrt vermitteln uns einzelne Pfarreien Interessenten, zum Beispiel für die Trauerseminare. Die Menschen sollen Unterstützung erhalten, das ist unser Hauptanliegen.

Brem: Weil wir all die Anfragen nicht selbst bewältigen können, möchten wir ausserdem andere befähigen, Trauernde zu begleiten. Deshalb bieten wir den Lehrgang in Trauerbegleitung an und neu auch eine Ausbildung zur Gestaltung von Abschiedsritualen und zu Bestattungsformen.

Zu den Seminaren für Trauernde: Was erwartet die Leute da?

Brem: Wir gestalten strukturierte Prozesse, in denen verschiedene Themen der Trauer mit inneren Bilderreisen, Symbolen, kreativem Ausdruck und in Ritualen gemeinsam durchlebt werden. Themen sind dabei unter anderem die Klärung der Beziehung mit der verstorbenen Person, weitere Verluste, eigene Ressourcen und das Abschiednehmen. Zudem ermöglichen Austauschrunden und Kurzinputs von uns – etwa über Reaktionen von Trauernden – den Teilnehmern ein wachsendes Verständnis für sich selbst.

Sie wenden auch fernöstliche Methoden an – weshalb?

Brem: Trauernde zu trösten gilt in der jüdisch-christlichen Tradition als eines der Werke der Barmherzigkeit. Wir sehen uns in dieser Linie. Das methodische Rüstzeug haben wir unter anderem beim griechisch-deutschen Trauerforscher Jorgos Canacakis erlernt. Wir haben uns zudem im Theologiestudium mit christlicher Mystik befasst und später Berührungspunkte zur Mystik in asiatischen Kulturen entdeckt. Wir sehen darin ein Potenzial für Leute, die auf der Suche nach innerer Orientierung in Lebenssinnkrisen sind. Oft entdecken sie über eine fremde die eigene Spiritualität neu. Die chinesisch-taoistische Bewegungsmeditation Shibashi Qi Gong zum Beispiel haben wir von katholischen Ordensfrauen auf den Philippinen erlernt. Sie setzt um, was die heilige Teresa von Ávila gesagt hat: «Tu deinem Leib Gutes, damit deine Seele Freude hat, darin zu wohnen.» Wir sprechen in unserer Trauerbegleitung auch die körperliche Ebene an, denn: Trauert die Seele, trauert der Körper mit.

Lehner: Der Mensch trauert ganzheitlich, deshalb muss man ihn ganzheitlich unterstützen, nicht nur rein geistig. In der Trauerbegleitung setzen wir einzelne Körperübungen von Shibashi Qi Gong ein, vorausgesetzt, die Leute sind offen dafür; beispielsweise eine Stehübung, denn trauernde Menschen haben oft das Gefühl, es ziehe ihnen den Boden unter den Füssen weg.

Wer besucht Ihre Trauerseminare?

Brem: Erwachsene zwischen 25 und 75 Jahren, mehrheitlich Frauen. Darunter befinden sich Menschen, denen der frühe Tod eines Elternteils viele Jahre später zu schaffen macht, Frauen, die ihr Kind während der Schwangerschaft verloren haben und Angehörige von Menschen, die sich das Leben genommen haben. Aber auch Menschen, die eine zerbrochene Beziehung betrauern oder Mobbing am Arbeitsplatz erfahren haben, finden den Weg zu uns.

Foto: Gina Sanders, fotolia.com