Donnerstag, 08 März 2018 10:35

Sollen sich Pfarrpersonen politisch äussern?

Vor der Abstimmung über die No-Billag-Initiative haben Pfarrpersonen in ihrem Amt Stellung bezogen. Aber ist das überhaupt ihre Aufgabe? «Sie müssen sogar», sagt Christoph Sigrist, Pfarrer am Zürcher Grossmünster. Vor der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative im Februar 2016 hat er im Zürcher Hauptbahnhof im Talar Flyer verteilt. Im folgenden Text begründet er, warum sich Kirchenvertreter politisch äussern sollen.

Sollten sich Pfarrpersonen politisch äussern? Diese Frage ist falsch gestellt. Pfarrpersonen müssen sich politisch äussern,sie haben keine Wahl: Erstens ist auch Schweigen eine Form von Kommunikation. Dies gilt im privaten Bereich genauso wie auf öffentlichen Plätzen. Schweigemärsche und Schweigeminuten sind politische Äusserungen. Zweitens ist das Evangelium öffentlich und nicht privat. Als Dienerinnen und Diener des Wortes Gottes haben Pfarrpersonen den Auftrag, auf die Agora, den Marktplatz, zu gehen und öffentlich kundzutun, was in Gottes Namen zur Aktualität zu sagen ist. In der Nachfolge Jesu gilt es, theologisch nachzudenken, was Gott vorgedacht hat, und politisch einzustehen, wofür Gott Partei ergriffen hat. Gott nimmt Partei für die benachteiligten und ausgegrenzten Menschen. Nicht parteipolitisch hat sich demnach die Kirche zu äussern, sondern «Gott-politisch».

Kirche findet draussen statt

Zu meinen persönlichen Erfahrungen bei diesem Thema: Frühmorgens traf ich bei einer Aktion gegen die Durchsetzungsinitiative auf einen jüngeren Mann beim Hauptbahnhof und sagte: «Ich bin der Pfarrer am Grossmünster. Ich setze mich ein, dass die Initiative nicht angenommen wird, darf ich Ihnen die Gründe, wie die Kirchen sie sehen, mitgeben?» – «Das ist seltsam, gerade in den letzten Tagen habe ich gedacht, aus der Kirche auszutreten.» – «Oh, dann habe ich Pech gehabt, der Entscheid ist wohl jetzt endgültig.» – «Im Gegenteil», sagte er, «endlich erhebt die Kirche die Stimme und geht aus ihren Mauern hinaus an die Öffentlichkeit, so verstehe ich ihren Auftrag. Danke für Ihr Engagement. Wann haben Sie Gottesdienst?» Solche Begegnungen machen mir Mut, politisch aus kirchlicher und christlicher Sicht Stellung zu nehmen, wenn es um Existenzsicherung und Arbeit, um Gesundheit und Wohlergehen, um Integration und Migration geht. Kirche findet draussen statt. Der biblische Erfahrungsschatz hat seinen Kontext in den sozialen Brennpunkten der Gesellschaft.

Drei Gründe lassen mich politisch den Auftrag als Pfarrer wahrnehmen: Erstens habe ich von meinem Vater, der Diakon in der Stadt Zürich war, mitbekommen, dass Politik und Kirche miteinander verbunden sind: Das Brot teilen mit dem, der kein Brot hat, hat grundsätzlich mit dem Wort zu tun, das im Parlament gesprochen und im Gottesdienst verkündet wird. Zweitens hat meine reformierte Seele den überkonfessionell geltenden Grundsatz von Ulrich Zwingli, unserem Reformator, mit der Muttermilch aufgesogen: Die Armut ist ein theologisches Problem (Gott ist nicht neutral, sondern parteiisch zugunsten des Armen), das politisch gelöst werden muss (damals mit der Einführung der Almosenordnung von 1525). Drittens bin ich durch meine Arbeit in der Diakonie, dem helfenden Handeln der Kirche in der Gesellschaft, von der Grunderkenntnis geprägt, die alle Kirchen in Bratislava 1994 festgehalten haben: Wer hilft, kann nicht humanitär Wunden pflegen, ohne politisch gegen die Gründe zu kämpfen, die zu Wunden führen.

Der Autor Pfarrer Christoph Sigrist mit dem Dalai Lama im Grossmünster Zürich. Foto: zVg.