Freitag, 13 Oktober 2017 09:05

Schon auf den Mann gekommen?

Früher mussten Männer Helden sein, heute hat ihre sensible Seite in der Gesellschaft Platz. Auch die Kirche beruht auf dem Konzept der verletzlichen Männlichkeit, eine Auseinandersetzung mit diesen Männerrollen findet aber kaum statt. Das sei ein Manko, ist Theologe Andreas Borter überzeugt.

Während seiner Pfarramtstätigkeit ist Andreas Borter unter anderem über die Gefängnisseelsorge und die feministische Theologie so richtig auf die Männer und – nachdem er eigene Kinder hatte – auf die Väter aufmerksam geworden. Dass es diese Sorte Menschen gibt, wusste er natürlich schon vorher. Dass im Speziellen die Väter in der Gesellschaft nicht so recht wahrgenommen werden, diese keine Lobby haben und es keine Fach- und Beratungsstellen für sie gibt, das kristallisierte bei ihm sich im Laufe seiner beruflichen Tätigkeiten heraus, während derer er sich intensiv mit Männer- und Frauenfragen auseinandersetzte. In den 1980er-Jahren wechselte er in die Erwachsenenbildung und kam dort mit Gendertheologie in Kontakt, die stark von der feministischen Theologie geprägt ist. In der Ausgestaltung der Erwachsenenbildung waren viele Angebote in Theorie und Praxis von Frauen für Frauen konzipiert. «Damals fiel mir zum ersten Mal auf, wie wenig Angebote es für Männer», sagt Borter. «Gleichzeitig entwickelte sich in dieser Zeit eine Männerbewegung, die teilweise einen archetypischen Mann zum Ideal machte, der letztlich ein sehr traditionelles Rollenverständnis verkörperte.» Diese verschiedenen Eindrücke liess Borter in die kirchliche Bildungsarbeit einfliessen – und schloss als Studienleiter am Gwatt-Zentrum, an dem es nur eine Frauenfachstelle gab, mit dem Aufbau einer Männerfachstelle eine Lücke.

Vom Mann zum Vater

Andreas Borter, Fachmann für Männerfragen. Foto: Annette Boutellier
Andreas Borter, Fachmann für
Männerfragen. Foto: Annette Boutellier

Als die eigenen Kinder auf die Welt kamen, verschob sich Borters Fokus von den Männern hin zu den Vätern. Da er bei seinen Kindern die Betreuungsaufgaben mit seiner Partnerin teilte, trieben ihn bald Fragen nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie um, und durch den Kontakt mit anderen Vätern wurde das Thema Fürsorglichkeit aus männlicher Sicht immer wichtiger. Als Anbieter von Vater-Kind-Ferienwochen und anderen Angeboten für Väter und als Betreuer von Vätergruppen ging ihm auf, dass Seelsorge viel mehr ist als das Einzelgespräch. Gemeinsam unterwegs zu sein oder miteinander etwas bewegen kann für das männliche Seelenheil unter Umständen mehr bewirken.

Mittlerweile ist Andreas Borter quasi «Berufsmann». Er arbeitete als Leiter des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen (siehe Kasten) und ist heute fachlicher Programmleiter des internationalen Projektes «Men Care» für die Schweiz. Die Schweiz wurde von den internationalen Geldgebern als Entwicklungsland in Väterfragen deklariert, in dem es keinen Vaterschaftsurlaub gibt und in dem Vaterschaft ausschliesslich als private Angelegenheit gesehen wird. Das Ziel von «Men Care» ist es, väterlichen Einbezug auch als Kinderschutz und als Schutzfaktor gegenfamiliäreGewalt zunutzen.

Institut für Männer- und Geschlechterfragen

2014 von «www.maenner.ch» gegründet, kümmert sich das Institut um die Entwicklung der Männerarbeit in der Schweiz, um die Förderung der Geschlechtergerechtigkeit und die Anliegen von Buben, Vätern und Männern. Das Institut mit dieser expliziten Ausrichtung stellt im europäischen Umfeld ein Novum dar. Es führt Praxisprojekte durch, begleitet Forschungsprojekte, baut Kooperationen auf und bietet Beratungen an. Weitere Informationen unter www.simg.ch.

Gemäss Theologe Borter gibt es in der reformierten Kirche zum Beispiel eine offizielle «Nationale Frauenkonferenz» und allenfalls eine informelle Männerlobby von oben, aber keine von unten: «Ich selber wollte eigentlich nicht aus der Kirche auswandern, und hätte diese beim Institut für Männer- und Geschlechterfragen gerne an Bord, aber ich spüre kein Interesse der offiziellen Kirchen an den Fragen, mit denen wir uns beschäftigen.»

Er ist der dezidierten Meinung, dass die Kirche mit dieser Haltung eine grosse Chance vergibt. «In ihren Grundlagen gehören, biblisch gesehen, die unterschiedlichsten Formen der Auseinandersetzung mit Männlichkeitsfragen dazu. Nur schon, wenn man an die Väterlichkeitskonzepte im Alten Testament denkt. Dort gibt es viele Väter, die Aufgaben haben, die eigentlich zu gross sind und an denen sie scheitern, es gibt da auch viele Antihelden. Man spricht in der Kirche selbstverständlich von Gott Vater, hat sich aber nur feministisch damit befasst und nie aus Männerperspektive.»

Die mangelhafte oder gar nicht stattfindende Auseinandersetzung mit Väterlichkeit geht nach Borters Dafürhalten über die Theorie hinaus. Auch in der praktischen Theologie ist die Kirche völlig hintennach, was zum Beispiel die Integration von Vätern in der Kleinkinderarbeit anbelangt. «Hier ist die Feminisierung der Kirche Realität. Wir brauchen Männerquoten, damit die Väter in der Kleinkinderarbeit miteinbezogen werden.» Für Borter könnte die Institution Kirche auch ein Frei- und Ausprobierraum für verschiedene Arten von Männlichkeit sein, fern eines Leistungsauftrags, so wie sie es für die Frauen und das Frausein seit Langem ist. «Wo sind die Orte, wo Väter hingehen können, wenn sie sich um die Kinder kümmern?» Warum fordern denn die Väter nicht ein, was sie brauchen, so wie es die Frauen im Laufe der Emanzipation getan haben? «Ich weiss es nicht. Männer brauchen offenbar eine spezielle Einladung. Diese Willkommenskultur könnte die Kirche entwickeln und den Männern signalisieren: Wir wollen euch dabeihaben und passen deshalb unsere Angebotsstrukturen an. Die gesellschaftliche Realität hat sich längst geändert, aber die Kirche pflegt in der Regel immer noch ein sehr traditionelles Bild von Vätern und Familien. Zudem ist sie nach wie vor ein Hort traditioneller Mütterlichkeit. Das Kreative, Religiöse und Erzieherische wird den Frauen zugeschrieben, der Religionsunterricht auf der Unterstufe ist fast ausschliesslich in Frauenhand und Katechetinnen sind meistens Frauen. Diese Tatsachen werden nicht diskutiert. Von unten her sind wir eine Mütterkirche, von oben her patriarchal. Ich denke, das könnte auch anders sein.»

Im Ausland ist es einfacher

In Deutschland und Österreich gibt es laut Borter regionale und nationale kirchliche Strukturen für die Männer- und Väterarbeit. «Diese sind teilweise bereits in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, musste man sich doch um die traumatisierten Kriegsrückkehrer kümmern und sich genau überlegen, was nach dem Faschismus vertretbare Männlichkeitskonzepte sein könnten.» Dass es Väter im europäischen Umland einfacher haben als in der Schweiz, hat aber auch mit den gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun. Vaterschafts- und Elternurlaub sowie die Aufteilung der Verantwortung für das Haushaltseinkommen stellen eine Entlastung dar, die die Väter in der Schweiz so nicht erleben.

Grosses Bild: Väter, die Zeit mit ihren Kindern verbringen, leben nachweislich gesünder. Foto: pixabay.com