Donnerstag, 12 April 2018 09:47

«Ohne Beziehung zu ihnen hat man keine Chance»

Stefan Blumer konfirmiert seit 30 Jahren Jugendliche. Er sagt, die Hauptaufgabe des «Konf»-Pfarrers sei heute, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen.
Stefan Blumer, was ist Konfirmation?

Die Kirche spannt einen Bogen von der Taufe bis ins Erwachsenenalter. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, geht man in die Kirche und verspricht, dass man es begleitet, und bittet darum, bei dieser Begleitung Unterstützung zu erhalten. Das Ziel der Konfirmation ist, dass die Jugendlichen schlussendlich die Verantwortung für ihren Glauben übernehmen.

Hat sich die Bedeutung der Konfirmation mit den Jahren verändert?

Es war früher ein gesellschaftlich verankertes Übergangsritual ins Erwachsenenleben. Der erste Anzug, das erste Mal Alkohol trinken und das eigene Glaubensbekenntnis – auswendig aufgesagt vor der ganzen Gemeinde. Das Ganze fand aber unter ziemlich grossem Druck statt, man musste viel leisten und durfte am Schluss nicht versagen, die soziale Kontrolle war gross. Diese «Methode» wurde zunehmend zur Garantie dafür, dass die Jugendlichen sich anschliessend von der Kirche abwandten. Heute setzt man auf differenziertes pädagogischeres Handeln. Zudem ist Konfirmation heute freiwillig.

Das ist der äussere Rahmen. Was hat sich an Ihrer Herangehensweise verändert?

Ich habe gemerkt, dass ich als Pfarrer keine Chance habe, wenn ich nicht mit den Eltern zusammenarbeite. Wenn sie nicht mitziehen, selber nicht auch mal in die Kirche gehen, dann «predigen» sie eigentlich dagegen. Deshalb müssen die Jugendlichen heute bei uns die Anmeldung gemeinsam mit den Eltern unterschreiben. Die Eltern werden über alles informiert, denn der wichtigste Teil bis zur Konfirmation läuft auch heute noch übers Elternhaus, deshalb brauche ich ihre Unterstützung. Aber auch die muss freiwillig erfolgen und nicht über Druck. Mit Autorität oder Druck erreicht man in der heutigen Zeit nichts mehr.

Haben sich die Jugendlichen auch verändert?

Ich erlebe sie als offen, interessiert und anständig. Man merkt hier in Aarau, dass es die Kinder der Oberschicht sind, man spürt die gesellschaftlichen Werte, mit denen sie aufwachsen. Sie sind selbstbewusst und begabt, können gut formulieren und trauen sich, es zu sagen, wenn sie mit etwas nicht einverstanden sind oder etwas nicht gut finden. Wenn ich als Pfarrer früher ausrief oder massregelte, waren immer die Jugendlichen im Unrecht, und die Eltern teilten diese Sicht. Heute wehren sie sich zum Glück, und manchmal finden wir so heraus, dass ich mich geirrt habe. Zudem wissen sie viel, man kann ihnen nicht irgendwas erzählen, dann gehen sie ins Internet und schauen nach. Das ist natürlich auch ein Stress für mich als Pfarrer.

Grosses Bild: Stefan Blumer ist reformierter Pfarrer in Aarau. Foto: Christine Schnapp