Donnerstag, 03 Mai 2018 11:17

Nachhaltig ausgelutscht?

In Kirchenkreisen ist der Begriff Nachhaltigkeit beliebt. Von der Werbebranche wird er aber als Modewort missbraucht. Was bedeuten nachhaltig und Nachhaltigkeit eigentlich?

Werber sprechen vom in der Wirtschaft etablierten Prinzip des «Greenwashings»: Wenig umweltgerechte Produkte geben sich ein «grünes» Image, und von Nachhaltigkeit wird in diesem Zusammenhang besonders gern gesprochen.

Die enorme Spannbreite des Begriffs der Nachhaltigkeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Auf der einen Seite repräsentiert er eine globalpolitische Vision, die vor 25 Jahren mit dem Weltgipfel von Rio populär wurde. Wir verbinden damit das Bild einer zukunftsfähigen Weltgesellschaft, in der alle genug frische Luft zum Atmen und genug sauberes Wasser zum Trinken haben. Auf der anderen Seite ist er zu einem inhaltsleeren Marketing-Begriff verkommen.

Beliebte Umdeutung

Das ist auch ein Resultat einer aktiven Umdeutung dessen, was Nachhaltigkeit eigentlich definiert – genau wie in der Politik zentrale Begriffe und Konzepte gerne umgedeutet werden. Am besten kann man diese Problematik anhand einer Verwendung des Adjektivs nachhaltig illustrieren, und zwar dort, wo es als Attribut vor dem Nomen Wachstum steht. Wer den Satz «Wir wollen nachhaltiges Wachstum!» schreibt, der kann damit eben zwei Interpretationen aufrufen. Das ist einmal eine, die sich des globalpolitischen Wortsinns bedient: Wir wollen ein Wachstum, das nachhaltig in ökologischer und sozialer Hinsicht ist. Dafür würden dann zum Beispiel nur Ressourcen verbraucht, die wieder reproduzierbar sind.

Die zweite Interpretation ist aus dieser Perspektive hochproblematisch: Sie liest den Satz so, als ob das Wachstum selbst nachhaltig sein müsse – also dauerhaft. Dabei ist es dann egal, ob sich die Politik ökologisch und sozial ausrichtet. Entscheidend ist allein, dass es ein konstantes Wachstum gibt. Wir können davon ausgehen, dass nicht wenige Schreiber die Phrase «nachhaltiges Wachstum» bewusst deutungsoffen verwendet haben, sodass man sowohl die eine als auch die andere Interpretationsmöglichkeit darin lesen konnte.

Dass das überhaupt möglich ist, liegt an der Bedeutungsgeschichte des Nomens Nachhaltigkeit und des Adjektivs nachhaltig. Die historisch ältere Bedeutung von nachhaltig ist «lange nachwirkend, andauernd, stark». Die globalpolitisch relevante Bedeutung als Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als wieder nachwachsen oder sich regenerieren kann, ist in der Forstwirtschaft in Zeiten drohender Holzarmut entstanden. Forstleute realisierten, dass sie gleichbleibende Erträge nur dann erwirtschaften können, wenn sie jeweils nicht mehr Holz einschlagen, als auch wieder nachwachsen kann. Der Forstmann Hans Carl von Carlowitz bezeichnete eine solche Bewirtschaftungsweise 1713 als «nachhaltend». Das gilt heute als Quelle der Begriffsentwicklung von Nachhaltigkeit.

Gleich wie mit dem Holz im Wald

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand das Bewusstsein, dass es sich mit den Ressourcen der Welt ähnlich verhalte wie mit dem Holz im Wald: Wenn wir zu viel von ihnen verbrauchen, dann ist irgendwann nichts mehr da. Der Club of Rome rief 1972 die «Grenzen des Wachstums» aus. Das Prinzip der «sustainability» etablierte sich dafür – die deutsche Übertragung: Nachhaltigkeit. Nun begann die Karriere des Begriffs, der aus der Forstwirtschaft auf den globalpolitischen Diskurs übertragen wurde, und zwar mit der 1980 von der Uno eingesetzten «World Commission on Environment and Development» und vor allem mit dem Weltgipfel von Rio 1992. Da verstand man Nachhaltigkeit als Prinzip, das die Lebenssituation der heutigen Generation verbessere, ohne die Lebenschancen künftiger Generationen zu gefährden. In der Zeit nach Rio wurde der «Primat der Politik», von dem Klaus Töpfer, der ehemalige Direktor des UN-Umweltprogramms, gern im Zusammenhang mit der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung spricht, allerdings von der Auffassung verdrängt, gegen allmächtige Märkte könne keine Politik betrieben werden. Das spiegelt sich auch in der Entwicklung der Begriffsgeschichte wider: Die Vertreter einer ökonomischen Interpretation begannen den Begriff der Nachhaltigkeit zu besetzen und ihn weniger ökologisch und sozial zu definieren (Stichwort: «nachhaltiges Wachstum»). Inzwischen werben zudem auch Firmen mit ihm, die mit Sicherheit nicht ressourcenschonend und umweltbewusst agieren.

Jener häufige und häufig unspezifische Begriffsgebrauch hat dazu beigetragen, dass Nachhaltigkeit zu einem weitgehend inhaltsleeren Modewort ohne scharfes Profil geworden ist. Die empirische Forschung bestätigt das. Interessant ist, dass von dieser Entwicklung zum Modewort zum Beispiel auch das Adjektiv nachhaltig in seiner ganz traditionellen Bedeutung profitiert. Man wird also 2018 viel häufiger hören, dass sich jemand für etwas «nachhaltig einsetzt» als noch 1990. Befragungen in der Wirtschaft offenbaren darüber hinaus: Ein Grossteil der Akteure ist sich bewusst, dass hinter der Verwendung von Nachhaltigkeit meist eine Mogelpackung steckt. Trotzdem wird der Begriff munter weiterverwendet.

Was Angela Merkel sagt

Wie kann man nun aber von Nachhaltigkeit sprechen, wenn man tatsächlich glaubwürdig die visionäre Kraft dieses Worts aufrufen will? Sehr wahrscheinlich wird das nur funktionieren, wenn deutlich wird, was man unter diesem Konzept versteht. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es im Vorfeld des G20-Gipfels versucht, indem sie in ihrer Videobotschaft nachhaltiges Wachstum als Antwort auf verschiedene Fragen zu skizzieren versuchte: «Wie geht es mit dem Ressourcenverbrauch? Wie ist die Verteilung von Reichtum in einer Gesellschaft geregelt? Wie viele Menschen kann ich mitnehmen? Wie viele Länder profitieren davon?»

Michael Rödel forscht und lehrt am Institut für Deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Foto: pixabay.com