Donnerstag, 27 Juli 2017 13:11

Ich glaube, also lache ich

Beim Bibellesen lachen? Die Theologin und Clownin Gisela Matthiae findet jede Menge humorvolle Zugänge zur Heiligen Schrift. Ein Besuch bei einer Weiterbildung mit ihr zeigt, dass es tatsächlich viel zu lachen gibt.

Kennen Sie schon das protestantische Kirchenyoga? Nein? Dann aufgepasst. Stellen Sie sich hin, entspannen Sie den Körper und denken Sie an Römer 8,26. Zur Erinnerung: „Denn wir wissen nicht, was wir eigentlich beten sollen; der Geist selber jedoch tritt für uns ein mit wortlosen Seufzern.“ Strecken und recken Sie sich, gähnen Sie, breiten Sie die Arme aus – und lassen Sie sie laut seufzend fallen. Und damit haben wir bereits die erste Übung der zweitägigen Weiterbildung zum Thema Glaube und Humor gemeistert.

Die Theologin und Clownin Gisela Matthiae steht lächelnd im Raum und blickt ihre sieben Teilnehmerinnen an. Spätestens jetzt sind alle locker und entspannt. Eine wichtige Voraussetzung, wenn man Clownerie und Glaube miteinander in Verbindung bringen will. Und die erste Lektion haben wir auch schon gelernt: Die clowneske Lebenshaltung bedeutet, auch scheinbar Altbekanntes neugierig, ahnungslos und mit freudigem Blick zu betrachten. Ausserdem ist sie nicht nur eine geistige Haltung, sondern auch eine körperliche. Wer den Geist frisch halten will, kann nicht stocksteif im Raum stehen. Die Energie soll nicht nur durchs Gehirn, sondern auch durch all unsere Körperteile fliessen.

Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen

Was genau ist Humor? Was hat er mit Liebe und Gott zu tun? Wie kann man ihn in das eigene Leben integrieren und wo findet man ihn in der Bibel? Gisela Matthiae bietet einen umfangreichen Überblick zu diesen Themen in ihrem Buch „Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen. Mit Clownerie zur Glaubensfreude.“ Sie spürt der Frage nach, ob Jesus gelacht hat – und beschreibt, warum das Lachen bei Abraham und Sara am Anfang der Bibel steht.
Weitere Informationen unter www.clownin.de.

Gisela Matthiae:
Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen.
Kreuz Verlag, Freiburg 2013.
223 Seiten, Fr. 24.90.

Jetzt bestellen unter: www.buchmax.ch.

Was ist eigentlich Humor?

Warum wir hier sind? Gisela Matthiae will neue Impulse für die Arbeit mit Kindern geben. Die Kursteilnehmerinnen wollen einen humorvollen Zugang zur Bibel finden, den sie ihren Schützlingen in der Schule oder in der Kirche mit auf den Weg geben können. Lehrerin Ulrike – man duzt sich selbstverständlich im clownesken Seminar – sagt ganz zu Beginn breit lächelnd: „Ich besuche alles, was mit Humor zu tun hat.“ Und Birgit, ehrenamtliche Mitarbeiterin in ihrer Kirchgemeinde, betont am ersten Vormittag gleich mehrere Male: „Ich finde es einfach toll, mich zum Klops zu machen.“ Dazu wird sie hier viele Gelegenheiten bekommen. Aber damit Sie es nicht falsch verstehen: Der humorvolle Blick auf die Bibel ist keine blöde Herumalberei. Gisela Matthiae betont gleich zu Beginn: „Humor ist nicht das Gegenteil von ernst, sondern von zu ernst.“

Die Theologin hat nach ihrem Studienabschluss im Jahr 1986 zunächst als Pfarrerin in der württembergischen Landeskirche gearbeitet. 1990 ging sie für einen Studienaufenthalt nach Berkeley in den USA, wo sie die Verbindung von Clownerie und Glaube zum ersten Mal kennenlernte. 1998 veröffentlichte sie Ihre Dissertation zum Thema „Clownin Gott. Eine feministische Dekonstruktion des Göttlichen“. Seit 2007 arbeitet sie als freischaffende Clownin und Theologin, hält Vorträge über Glaube und Humor, leitet Weiterbildungen und steht mit roter Nase auf der Bühne. Sie tourt durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, dorthin, wo sie angefragt wird. Jetzt ist sie in Woltersdorf bei Berlin, wohin das Amt für Kirchliche Dienste, die zentrale Fortbildungseinrichtung für berufliche und ehrenamtliche Mitarbeitende der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, eingeladen hat. Sie verteilt rote Nasen an alle Teilnehmerinnen und diskutiert mit ihnen über Witziges und Spöttisches in der Bibel. Drei grosse Fragen kristallisieren sich heraus: Was ist eigentlich Humor? Kann ich mit clownesken Spielereien wirklich einen neuen Zugang zu Bibelversen finden? Und wie kann ich ganz ohne rote Nase einfach beim Lesen in der Bibel Humoristisches finden?

Humor, so lernen wir, fängt bei jedem selbst an. „Durch Humor merken wir, dass wir alles andere als perfekt sein können“, sagt die Clownin und Theologin. Es gehe darum, nicht zu streng mit sich selbst zu sein. Und schon hier fällt eine Verbindung zur christlichen Botschaft auf, in der es ebenfalls darum geht, nicht an seinen Fehlern zugrunde zu gehen, sondern sich und die anderen Menschen mit allen kleinen und grossen Makeln zu akzeptieren. Dabei ist es der Kursleiterin ganz wichtig uns zu verdeutlichen, dass man beim Humor miteinander lacht – im Gegensatz zum Spott, bei dem man übereinander lacht.

Gisela Matthiaes Ziel ist, dass wir Spontaneität lernen, also von festgefahrenen Denkmustern abweichen, dass wir eine gesunde Distanz zu uns selbst finden, risikofreudig werden und uns zu Ungewohntem überwinden. All diese Eigenschaften sind nicht nur die Voraussetzung dafür, einen offenen Blick aufs Leben und den Glauben zu bewahren, sondern auch das Rüstzeug für jeden angehenden Clown. Ein Clown ist also nichts anderes als ein sehr reflektierter, nach neuen Lösungen suchender Mensch.

Solch einen neuen Blick kann man ganz einfach beim Lesen entwickeln. Gisela Matthiae weist auf Komik, Spott, Ironie und Sarkasmus im Alten und Neuen Testament hin. Die Jona-Geschichte, so sagt sie, sei eine Parodie, parodistische Züge findet sie auch beim Turmbau zu Babel, bei Hiob entdeckt sie Ironie – und während das Alte Testament ihrer Meinung nach eher voller Spott ist, finde man im Neuen Testament mehr Humor, also Gelegenheiten, miteinander statt übereinander zu lachen.

Ob sitzend oder stehend – Clowns nehmen immer wieder neue Perspektiven ein. Gisela Matthiae ist Theologin und Clownin. Foto: Eva Mell