Freitag, 27 Januar 2017 10:40

Gut zu hören ist nicht selbstverständlich

Bei Vorträgen oder Weiterbildungen wird auf Menschen mit einer Hörbehinderung oft zu wenig Rücksicht genommen. Hörproblemen können aber schon mit wenigen Massnahmen weitgehend abgeholfen werden.

Gutes Hören wie auch Verständlichkeit sind besonders bei Vorträgen, Sitzungen oder Forumsgesprächen enorm wichtig. Wenn da etwas nicht stimmt, bleiben hörbehinderte Menschen frustriert weg, und man wundert sich über schwindende Teilnehmerzahlen. Nach vielen schlechten Erfahrungen mögen Hörbehinderte nicht mehr immer «Bitte lauter!» rufen. Sie haben längst resigniert und bleiben Anlässen, bei denen Zuhören nötig ist, zunehmend fern. Man kann jedoch mit einfachen Vorkehrungen dafür sorgen, dass auch sie alles mitbekommen. Nie zu vergessen: Eine Höreinschränkung ist unsichtbar und trägt leider zu einer Isolation bei.

So erleichtern Sie Hörbehinderten das Leben:

  • Moderatoren oder Referenten sitzen nie vor dem Fenster, vor der Lichtquelle, denn Gegenlicht verunmöglicht aktives Zuhören und – für die, die es gelernt haben – auch das Lippenlesen. Sie sitzen immer mit dem Gesicht Richtung Fenster respektive Lichtquelle, damit das Ablesen vom Mund erleichtert wird.
  • Hände gehören nie vor den Mund, weil sie das Ablesen verhindern.
  • Aufmerksame Moderatoren merken sofort, wenn jemand wegen schlechten Hörens gedanklich «aussteigt». Eine kurze Unterbrechung genügt, um die Sitzplätze so zu tauschen, dass die schlechter Hörenden den für sie geeigneten Platz bekommen.
  • Die Moderatoren oder Referenten sollen mit Rücksicht auf diejenigen, denen das Hören Mühe bereitet, laut und deutlich sprechen. Spricht jemand zu leise, soll er um mehr Stimme gebeten werden.
  • Zweiergespräche in einer Gesprächsrunde oder bei Vorträgen stören vor allem schlecht Hörende. Es sollte immer nur eine Person sprechen.
  • Rückfragen bei schlecht Hörenden helfen, die akustischen Bedingungen laufend zu verbessern.
  • Ist die Runde sehr gross und eine Verstärkeranlage vorhanden, soll sie auch verwendet werden. Das gilt insbesondere bei Vorträgen.
  • Es sollten keine Suggestivfragen wie «Sie hören mich doch alle?» gestellt werden, denn es stimmen zumeist nur diejenigen zu, die gut hören.
  • Das Mikrofon sollte auch verwendet werden, wenn der Raum über eine Ringleitung verfügt. Personen, die ein Hörgerät tragen, können dem Vortrag dann besser zu folgen, weil Nebengeräusche weggefiltert werden.
  • Spricht jemand nicht richtig ins Mikrofon, soll er von den Organisatoren darauf aufmerksam gemacht werden.
  • Schlecht Hörende sollen immer wieder ermuntert werden, sich zu melden, wenn die Verständlichkeit nicht mehr gewährleistet ist.
  • Bei Bart- und Schnauzträgern lässt sich schwer von den Lippen lesen. Deshalb ist deutliches und langsames Sprechen doppelt wichtig.
  • Glasierte Bodenplatten, hohe Räume und Kirchen haben meist einen unangenehmen Nachhall. Hier sollte man besonders langsam und deutlich sprechen.
  • Werden Fragen aus dem Publikum beantwortet, müssen die Fragen entweder mit einem Mikrofon hörbar gemacht oder von der antwortenden Person wiederholt werden. Das schätzen sogar gut Hörende.
  • Bei Vorträgen mit Beamer- oder Musikbeispielen soll nie gleichzeitig gesprochen, sondern für Erklärungen das Ende abgewartet oder die Vorführung unterbrochen werden.
  • Das Halbdunkel soll bei Beamer-Präsentationen immer auf ein Minimum beschränkt werden, damit das Lippenlesen noch möglich ist.

Mit diesen einfachen Tipps werden Sie bald treue und dankbare Zuhörer in Ihrer Runde haben – auch solche mit eingeschränktem Hörvermögen. Schlecht Hörende merken rasch, wenn auf sie Rücksicht genommen wird, und sind dankbar dafür.

von Regula Stern-Griesser

* Regula Stern-Griesser ist Moderatorin des «Erzählcafés» in Ascona und Promotorin von «AvaEva».