Montag, 18 Juni 2018 14:25

Fair reisen, geht das? Empfehlung

«Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet», schrieb Hans Magnus Enzensberger bereits Ende der 1950er-Jahre. Und er hat immer mehr recht damit. Deshalb sollten Kirchgemeinden auf «faire Reisen» Wert legen.

Reisen zerstört die Lebensräume der Einheimischen. So leidet etwa Mallorca, wo 2015 zehn Millionen Touristen auf 850 000 Einheimische kamen, unter akutem Wassermangel, und Venedig weist mittlerweile die höchste Lungenkrebsrate Italiens auf, weil jedes der dort anlegenden Kreuzfahrtschiffe die Luft gleich stark verschmutzt wie 40 000 Autos. In Rom leiden die Gemälde in der Sixtinischen Kapelle und in Peru der Machu Picchu, weil täglich 5000 Touristen auf ihm rumtrampeln. Der CO₂-Ausstoss der zunehmenden Flugbewegungen nimmt sich daneben schon fast wie eine Affiche am Rande aus. Ausser man lässt sich die Zahlen – nur für die Schweiz – auf der Zunge zergehen. Im Durchschnitt nehmen Schweizerinnen und Schweizer pro Jahr 5,5 Mal das Flugzeug und legen damit insgesamt 9000 Kilometer zurück. Diese Flugbewegungen sind für 16 Prozent der für die Klimaerwärmung verantwortlichen Schadstoffe massgeblich. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Auch wenn das Weltwirtschaftswachstum zurückgeht, nimmt die Zahl der Touristen stetig zu. Auch Terroranschläge in europäischen Städten und Flüchtlinge rund ums Mittelmeer können die Reiselust nicht bremsen, man weicht einfach an andere Orte aus. Aber nicht nur der Massentourismus ist ein Problem, mittlerweile ist auch der Individualtourismus in Verruf geraten, weil sich immer mehr Menschen unkontrolliert abseits der bekannten Pfade bewegen und dort zerstören, was vorher noch intakt war. Experten raten deshalb – wenn schon reisen –, sich mit den Massen zu bewegen, weil die betroffenen Länder und Städte nur so die Gruppe dirigieren können, wie sie es für richtig halten.

Änderung der Verhältnisse

Wer das Reisen nicht lassen möchte, hat immerhin die Möglichkeit, sich an die Richtlinien des fairen Tourismus zu halten. Fair unterwegs zu sein bedeutet laut der gleichnamigen Organisation, hinter der der Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung Basel steht, Menschen in den bereisten Gebieten mit Respekt zu begegnen und deren Lebensräume zu achten. «Fair unterwegs» formuliert fünf Faustregeln, die man im Reisegepäck mitführen sollte. Sich daran zu halten, ist aber wohl nicht mehr als ein Tropfen auf dem heissen Stein. Denn bis 2030 wird zu den jetzigen Reisenden schätzungsweise noch eine Milliarde Menschen dazukommen – hauptsächlich aus den Schwellenländern China und Indien. Ihre Ziele werden vermutlich im Abendland liegen. Spätestens das wird unsere Perspektive endgültig verändern. Quelle und weitere Infos unter www.fairunterwegs.org.

Zeit nehmen

Für meine Ferien nehme ich mir Zeit. Ich stimme mich mit Reiseführern und Literatur aus dem Gastland ein und ergänze meine Wissenslücken zur Situation im Urlaubsziel und dazu, in welcher Beziehung es zu meinem Heimatland steht. Ich bleibe auch nach der Reise in Verbindung mit meinen Gastgebern, mit Menschen aus dem Gastland hier bei uns, und ich unterstütze Solidaritätsprojekte. Mit dem Kauf fair und nachhaltig produzierter und gehandelter Produkte trage ich auch zu Hause täglich zu mehr globaler sozialer Gerechtigkeit bei.

Nutzen für Einheimische

Meine Urlaubsreise soll der Bevölkerung am Zielort den grösstmöglichen Nutzen bringen. Ich ziehe deshalb einheimische Unterkünfte und Dienstleistungen den internationalen Hotelketten vor. Ich geniesse statt uniformem Fast Food die kulinarischen Spezialitäten der Region. Als Reiseandenken bringe ich statt importiertem Schnickschnack von irgendwoher lieber Erzeugnisse aus dem lokalen Handwerk nach Hause.

Fairer Austausch

Der faire Austausch mit meinen Gastgebern ist mir wichtig. Ich weiss es als grosses Privileg zu schätzen, willkommen geheissen zu werden. Es ist für mich selbstverständlich, die Selbstbestimmtheit und Würde meiner Gastgeber zu respektieren und die Rechte der gastgebenden Bevölkerung auf Mitsprache und Teilhabe am Tourismus zu unterstützen.

Respekt vor der Umwelt

Ich respektiere den Lebensraum meiner Gastgeber. Meine Komfort-Ansprüche sollen nicht zum Verschleiss von knappen Ressourcen wie Land und Wasser führen. Ich bemühe mich, die Umwelt am Urlaubsort nicht unnötig zu belasten und umweltfreundliche Verkehrsmittel zu wählen. Fernreisen mit dem Flugzeug sind für mich Höhepunkte; ich gönne sie mir selten und koste sie dafür länger aus.

Faire Preise

Ich achte darauf, faire Preise zu zahlen. Nur sie sichern langfristig die Existenz der Anbieter und ermöglichen guten Service wie auch Investitionen in Umwelt, Bildung und Gemeindeentwicklung. Damit ich mich in den Ferien richtig wohl fühle, möchte ich sicher sein, dass alle, die zu meinem Ferienerlebnis beitragen, unter anständigen Bedingungen arbeiten. Auch in der Pflege von kulturellen Traditionen oder von Naturlandschaften steckt viel Arbeit, die ich fair entgelten will.

Foto: pixabay.com