Freitag, 31 März 2017 08:51

Ein Pfarrer geht neue Wege

Der reformierte Pfarrer Felix Wicki betreibt seit wenigen Monaten das kleinste Kino der Stadt Zürich. In seinem «Kulturstudio», einem Ort der Poesie, finden Bühnenprogramme, Kino und Seelenpflege statt. Sein ganzes Angebot kann auch für Gemeindesäle gebucht werden.

Der Eckbau an der Winkelriedstrasse aus dem Jahre 1912 fällt auf: Die grossen Jugendstilfenster im Parterre, der stilvolle Hauseingang, das schöne Geschäft an der Universitätsstrasse stechen ins Auge. «Mein Urgrossvater, ein Kunstschlosser aus Hamburg, der seine Frau am Sechseläuten in Zürich gefunden hat, war als Bauherr an der Projektierung massgeblich beteiligt», sagt Felix Wicki. Seit vergangenem September betreibt er im Seitenanbau mit den grossen Jugendstilfenstern das «Kulturstudio – Kino, Bühne, Seelenpflege». Es handelt sich dabei um ein aussergewöhnliches Kulturprojekt. Der Filmmonat März steht unter dem Thema «Kirche und Kino». Gezeigt werden Klassiker wie Franco Zeffirellis «Bruder Sonne, Schwester Mond» oder Alfred Hitchcocks Thriller «Ich beichte» in einem einzigartigen Rahmen. Das Kino im Untergeschoss verfügt nämlich nur über 24 Sitzplätze, auf die Leinwand im Bühnenkasten werden Super-8- und 16-Millimeter-Filme projiziert, und vor jeder Vorstellung führt Felix Wicki filmhistorisch in das Werk ein. Er ist ein grosser Filmkenner und -liebhaber, eine Leidenschaft, die er von seiner Mutter geerbt hat. Mit fünfzehn Jahren begann er, analoge Schmalfilme zu sammeln. Heute umfasst seine Sammlung über 800 Werke, darunter sehr viele bedeutende Klassiker. Das Bühnenprogramm umfasst derweil «Kulturplaudereien», thematische Begegnungen («Achtung, Vorurteile!» oder «Rund um Bilder, Botschaft, Bibelfilme»). Auffallend bei Felix Wicki ist, dass in seinem «Kulturstudio» alles beseelt ist: Die Ecke mit der Spieldosensammlung, die Originalplakate an den Wänden, die Caféeinrichtung im Parterre, die alte Kinokasse – alles zeugt von grosser Achtsamkeit. Da steckt so viel Liebe drin, dass ein Kinobesuch zur Reise in die Kindheit wird. «Wer das ‹Kulturstudio›, eine Art Zelle der Ethik, verlässt, soll etwas Weiterführendes erhalten haben», umschreibt der Betreiber seinen Anspruch. Der 51-jährige Wicki hat an diesem Konzept drei Jahre gearbeitet. «Eine Krebserkrankung hat sich bei mir wie ein Pflug auf dem Acker ausgewirkt. Da wurde viel aufgerissen, was zu einer neuen Fruchtbarkeit führte.» Im Fall von Felix Wicki auch zu einer beruflichen Neuorientierung. Er wirkte während sechzehn Jahren als reformierter Pfarrer, nachdem er in Zürich und Birmingham Theologie studiert hatte und 1995 ordiniert wurde. «Die reformierte Kirche beschäftigt sich immer mehr mit ihrer Organisation und Verwaltung, sodass für die Seelsorge kaum mehr Zeit bleibt, was mich zunehmend störte», blickt Wicki zurück. Schon während seiner Pfarrzeit schrieb er für verschiedene Cabaret-Ensembles Musik und Texte. Auf der Bühne zu sehen ist er derzeit mit Erich Kästners lyrischem Jahresreigen «Die 13 Monate». Für ihn, der heute noch als freier Theologe predigt, ist dieses Angebot Seelenpflege. Er zitiert aus einem seiner Lieblingsgedichte: «Das Korn von mir, von Gott der Segen».

Engagements für neue Impulse

Felix Wick hat sein Programm im Kulturstudio so geplant, dass in den Tagen vor und nach Monatsmitte Engagements ausserhalb des Kulturstudios möglich sind. Er verfügt über die gesamte Infrastruktur für Filmvorstellungen in einem Gastsaal oder an einem Open Air Anlass. Gleiches gilt für die Bühnenstücke, die Wicki als Gastspiele anbietet. Diese Angebote vermitteln dem Gemeindealltag neue Impulse, weil sie den gewohnten Rahmen sprengen. Als Theologe verfügt Felix Wicki über die Fähigkeit, einen Bogen von der Kunst zur Spiritualität zu schlagen. Vor allem Filme eignen sich hervorragend, an einem konkreten Beispiel menschliche Grundthematiken zu vertiefen. Findet vor der Vorführung eine filmhistorische Einführung statt, wie sie Felix Wicki anbietet, führt das zu einem tieferen Filmerlebnis. Und Diskussionen über einen Film kommen nach der Vorführung leicht in Schwung, weil sie Emotionen auslösen und die Lust wecken, darüber zu sprechen. Solche Gespräche tun auch dem Gemeindeleben gut, weil sich die Mitglieder an solchen Diskussionen öffnen und sich so von neuen Seiten kennen und schätzen lernen. Neue Angebote ausserhalb der Gottesdienste machen eine lebendige Kirche spürbar, was auch Kirchenferne aufmerksam macht. Die Kosten für eine Filmvorstellung in einem Saal liegen zwischen 680.--(Tonfilm) und 950.-- Franken (Stummfilm mit Klavierbegleitung), für eine Theatervorstellung bei 1200.—Franken, für eine Lesung bei 880.—Franken. Weitere Informationen unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und 044 211 33 66.
Grosses Bild: Niklaus von Flüe, Marktgasse in Rapperswil. Foto: Roland zh/Wikimedia