Donnerstag, 12 April 2018 13:26

«Die Jugendlichen nehmen es viel eigenständiger, viel lockerer»

Die Kirche verliert die Jugend, wird geklagt. Doch stimmt das überhaupt? Ein Gespräch mit dem Theologen und Pastoralsoziologen Arnd Bünker.
Zur Person

Arnd Bünker

Arnd Bünker ist Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI), das im Auftrag der Katholischen Kirche den sozialen, kulturellen und vor allem religiösen Wandel in der gegenwärtigen Gesellschaft erforscht
Arnd Bünker, stimmt es, dass Jugendliche und junge Erwachsene der Kirche immer mehr fernbleiben?

Ja. Jugendliche sind weniger kirchlich aktiv, kommen weniger in Gottesdienste als früher. Das hat sich aber schon seit den 1960er-Jahren verändert. Von da an gab es eine massive Zunahme an Alternativangeboten für Junge. Trotzdem sind die Kirchenmitgliedschaften aber relativ stabil geblieben.

Wie meinen Sie das?

Die Chance, dass ein Kind mit einem katholischen Elternteil auch katholisch getauft wird, ist sehr gross. Das belegen die Zahlen eindeutig. Es sind 80 bis 90 Prozent. Und fast jedes Kind, das getauft wird, feiert auch die Erstkommunion. Hier zeigt sich ein grosses Interesse, die Bindung zur Kirche nicht abbrechen zu lassen. Leider ist dann aber die Erstkommunion – salopp gesagt – bei vielen die Letztkommunion. Doch immerhin 60 Prozent der Getauften lassen sich später noch auf den Firmweg ein, obwohl dieser häufig recht anspruchsvoll ist.

Ab welchem Alter beginnt die Abwendung von der Kirche?

Ab der Taufe. Es gibt eine über Generationen vererbte Entfremdung von den klassischen Formen der Kirchenfrömmigkeit, die wir bis in die 1960er-,1970er-Jahre kannten. Aber die Eltern finden die Zugehörigkeit zur Kirche auch heute noch wichtig, und das geben sie den Kindern weiter: Sie werden getauft, gehen zur Erstkommunion, zur Firmung. Wir haben mittlerweile Mitglieder, die Kirchenzugehörigkeit viel eigenständiger, viel lockerer definieren.

Das ist eigentlich etwas Positives.

Wenn man ein positives Verhältnis zur Freiheit hat, und ich habe das auch, dann kann man das sehr positiv deuten. Aber es ist für die Kirche natürlich anspruchsvoll, weil sie ihre Angebote deutlich überdenken muss. Das tut sie aber auch.

Was tut sie denn? Und tut sie genug?

Ich finde, sie macht sehr viel. Und bei Jugendlichen muss man immer fragen: Was machen sie selbst? Jugendliche sind in vielen Dingen Selbstversorger. Dabei würde ich die Rolle der kirchlichen Jugendverbände, die in der Schweiz noch immer mit Abstand die grössten sind, nicht unterschätzen. Diese sind sehr offen und auch für Jugendliche attraktiv, die mit der Kirche sonst keinen Kontakt haben. Ohne diese Angebote würde manches Dorf, mancher Stadtteil bezüglich Jugendarbeit sehr arm aussehen. Zudem ist die Anhebung des Firmalters wichtig.

Oben: Gesangprobe auf dem Firmweg mit den jungen Erwachsenen. Foto: zVg
Mehr in dieser Kategorie: « Die Suisa hört mit