Freitag, 15 Juni 2018 15:52

Der Papst trägt Gammarelli Empfehlung

Seit gut 200 Jahren sind die Mitglieder der Familie Gammarelli in Rom die Hofschneider der Päpste. Mit Papst Franziskus und seiner «Kirche für die Armen» weht jedoch ein anderer Wind.

Etwas versteckt hinter einem Zeitungskiosk in der Via di Santa Chiara, hat der berühmteste aller Priesterausstatter sein Geschäft: «Gammarelli, Schneiderei für Ekklesiasten». So steht es in goldenen Buchstaben über dem Schaufenster des Schneiders. Glitzernde Goldringe mit Edelsteinen liegen neben einer kostbaren Mitra. Daneben, auf Goldputten gestützt, elegante schwarze Halbschuhe aus Leder mit Silberschnalle. Die Priesterutensilien wirken wie aus einer anderen Zeit. Hatte sich Papst Franziskus nicht eine «arme Kirche für die Armen» gewünscht? Seit sechs Generationen sind die Gammarellis die Schneider des Papstes. 1798, neun Jahre nach der Französischen Revolution, gründete Giovanni Antonio Gammarelli das Geschäft. Bis 1968 trug die Firma offiziell den Beinamen «Päpstlicher Ausstatter», der Titel wurde nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgeschafft. Beibehalten wurde hingegen die Tradition, dass Gammarelli vor jedem Konklave drei elfenbeinfarbene Soutanen in den Grössen Small, Medium und Large schneidert. Eine von ihnen streift der frisch gewählte Pontifex in der «Kammer der Tränen», dem Ankleidezimmer neben der Sixtinischen Kapelle im Vatikan, über. Die letzten acht Päpste, von Pius XI. bis Franziskus, trugen beziehungsweise tragen Gammarelli. Ein bisschen enttäuscht «Der Heilige Vater entscheidet selbst, was er anzieht», sagt Lorenzo Gammarelli in scheuem Ton. Mit seinen beiden Cousins führt der 42-Jährige die Schneiderei. Er kann nicht mit Sicherheit sagen, ob der Papst bis heute ausschliesslich Gammarelli-Moden trägt oder seine Kleider auch anderswo anfertigen lässt. Sicher ist hingegen, dass Jorge Mario Bergoglio nach seiner Wahl am 13. März 2013 den von Gammarelli angefertigten roten, Mozzetta genannten Schultermantel sowie die roten Lederschuhe nicht überstreifen wollte. «Wir waren natürlich ein bisschen enttäuscht», sagt der sonst auffällig diskrete Geschäftsführer. Der Laden atmet den Geist des 19. Jahrhunderts. Hinter einem hölzernen Tresen hantieren drei in eleganten Anzügen gekleidete Männer mit Stoffen, die sie aus einem wandhohen Regal ziehen. Das Schwarz der Priester, das Violett für Bischöfe und der Purpur für Kardinäle sind die bestimmenden Farben. Gammarelli mit seinem knappen Dutzend Mitarbeitern stattet nicht nur Päpste aus, sondern wendet sich an den gesamten Klerus, vom Seminaristen bis zum Kardinal. Links über dem Tresen prangen die Konterfeis der letzten acht Päpste.

Onlinebestellungen

In einem kleinen Bürozimmer, in dem Fotos seiner Ahnen an der Wand hängen, erledigt Lorenzo Gammarelli die Buchhaltung. Folianten mit den Massen der Kunden stehen im Regal, viele Stammkunden bestellen telefonisch, die Jüngeren gar online. Hier irgendwo sind auch die Masse der Päpste notiert. Eine knarzende Holztreppe führt in das Obergeschoss, in dem Näherinnen Soutanen für Geistliche anfertigen. Benutzt werden beinahe ausschliesslich italienische Stoffe. In einem nicht mehr als zehn Quadratmeter messenden, mit gemusterter Tapete ausgekleideten Separee im Erdgeschoss werden die Masse der Kunden genommen. Neben italienischen Klerikern decken sich hier vor allem US-amerikanische Geistliche ein, die als besonders traditionsbewusst gelten.

«Jeder Papst hat seinen eigenen Stil», sagt Gammarelli sachlich. Vor Kardinalsernennungen bestellen etwa ein Drittel der neuen Kardinäle ihre Soutanen bei Gammarelli. Franziskus hingegen verschmäht rote Slipper, prunkvolle Messegewänder oder den Schultermantel. Das ist nicht ohne Folgen für die Klerikalmodenbranche geblieben. Luciano Ghezzi kann davon ein Lied singen. Seit Papst Franziskus im Amt ist, sei sein Gewinn um die Hälfte geschrumpft. Er versucht, die Kundschaft mit Sonderangeboten zu ködern. Drei Hemden für 39 Euro zum Beispiel oder drei Messgewänder für 150 Euro.

Foto: Max Intrisano