Dienstag, 13 Februar 2018 09:01

Das Unglaubensbekenntnis

Ella de Groot, Pfarrerin der Gemeinde Muri-Gümlingen, schreibt hier, warum sie Gott als Produkt der Einbildung, der Fantasie und der Ängste versteht. Ein Text für eine Debatte.

Die Frage, ob Gott existiert, führt in eine Sackgasse. Es ergibt keinen Sinn, zu ergründen und auszuformulieren, was nicht zu kennen ist. Wenn wir über Gott reden, reden wir über eine Sache, über die nichts zu wissen ist. Wir reden in Kategorien von persönlichen Erfahrungen und individuellen Annahmen, woraus unterschiedliche Deutungen entstehen. «All unser Reden über oben kommt von unten, auch wenn wir sagen, dass es von oben kommt», sagte schon vor Jahren der emeritierte Dogmatiker der Theologischen Fakultät von Amsterdam, Harry Kuitert. Wenn Glaubensgemeinschaften meinen, Gott als Objekt und als Inhalt von Kenntnis vermitteln zu können, indem sie auf die göttliche Offenbarung zurückgreifen, verkennen sie den existenziellen Charakter des Glaubens. Denn Gott ist eine Metapher, mit der der Mensch versucht, sein Dasein zu deuten. Darum ist es wichtiger zu fragen, wie der Glaube an die Existenz Gottes funktioniert, ob er als Erklärung für das Unerklärbare, als Sicherheitsgarantie oder als Machtinstrument missbraucht wird.

Die Idee von einem Gott, der das Geschehen auf Erden lenkt, habe ich verworfen; mehr noch: Die Vorstellung eines mächtigen, ausserweltlichen Gottes hindert mich, überhaupt zu glauben. Die Idee eines übernatürlichen, personalen Gottes, der Theismus, ist sogar die Wiege des Atheismus.

Gläubig oder ungläubig

Bis vor Kurzem gab es in unserer Kultur nur diesen Gegensatz: Theismus oder Atheismus. Man ist entweder gläubig oder ungläubig und damit religiös oder eben nicht. Religiös und gläubig waren bis jetzt Synonyme.

Ich glaube zwar nicht an einen Gott, ich suche aber nach Bildern und Worten, die beschreiben, wie die Zerrissenheit des Lebens einhergeht mit dem Staunen über die Schönheit des Lebens. Glauben heisst für mich, das Leben in all seinen Erscheinungen annehmen, ohne religiöses Auffangnetz. Glauben ist eine Lebenshaltung. Ich glaube an das Leben mit seiner Angst und seiner Hoffnung, mit seiner Liebe und seinem Kummer. Theologie ist darin eine Form, sich auf die Frage zu besinnen, was es bedeutet, Mensch zu sein in dieser Welt, eingebettet in verschiedenen Traditionen, die uns zum Denken anregen. Die Frage nach Wahrheit beschäftigt sowohl den Gläubigen als auch den Atheisten. Bis dahin schien nur eine Ja-Nein-Diskussion möglich. Ich möchte versuchen, dieses Dilemma zu überwinden.

Der Mensch hat die Fähigkeit zu denken und allem, auch Gott, eine Bedeutung beizumessen, Gott ist das Produkt der Einbildung, der Fantasie und der Ängste. Die Fähigkeit zu deuten besitzt sowohl der Gläubigewie auch der Nichtgläubige. Beide spielen jedoch mit unterschiedlichen Gedanken und Vorstellungen. Die Gefahr besteht darin, dass Menschen geneigt sind, ihre Deutungen zur einzig gültigen Wahrheit zu erheben.

Ohne das Beimessen von Bedeutung, ohne Sinngebung mit Metaphern und Ritualen, können Menschen jedoch nicht leben. So entstehen Kulturen und Religionen. Dass es sich dabei um Deutungen handelt, dass es um das Spiel von Sinngebung geht, das wird ausgeblendet. Darum beharrt jede Religion auf der Existenz ihres Gottes als absoluter, einzig gültiger Wahrheit. Ich versuche, am Theismus und am Atheismus vorbeizugehen.

Das grössere Ganze

Im Gespräch über die Religion wird immer wieder das Wort Transzendenz gebraucht, als Bezeichnung für Erfahrungen, welche ausserhalb der normalen Sinneswahrnehmung liegen. Ich denke dabei an «uns übersteigende Grössen» wie Zeit und Raum oder wie die Natur, die alle Menschen, unabhängig von ihrer Lebensanschauung, erfahren. Ich meine damit aber nicht die Idee einer metaphysischen Wirklichkeit, mit einem Gott ausserhalb unserer Wirklichkeit, auch wenn für viele das Wort «Gott» Metapher für diese Erfahrung ist. Viele Atheisten teilen solche Erfahrungen. Gerade in der gemeinsamen Erfahrung, Teil eines grösseren Ganzen zu sein, könnten die Grenzen zwischen Gläubigen und Atheisten oder die Grenzen zwischen den Religionen überschritten werden. Wenn wir uns als Teil von etwas Grösserem erfahren, ändert das unser Bewusstsein, wir fühlen uns verantwortlich für die Natur und die Mitmenschen.

Immer, wenn ich von etwas berührt werde oder wenn ich mich von etwas oder von jemandem angesprochen fühle, spüre ich, dass etwas über mich hinaussteigt. Ich denke, dass in den Berufungsgeschichten von Mose, von den Propheten, von Jesus, aber auch von Buddha, solche Erfahrungen stecken. In der Begegnung mit anderen Menschen, in Musik und Literatur, Kunst und Film kann ich Dimensionen erfahren, die mir helfen, meine Augen offen zu halten für die Menschen um mich herum, für die Natur und für die Probleme in der Welt. Verheerend wäre, wenn unser Gefühl für Transzendenz unterdrückt würde und verdorrte; wir würden in einer nihilistischen Gesellschaft überleben müssen.

Wer ohne Glauben an einen personalen Gott versucht, an das Leben zu glauben, kann das nicht anders zum Ausdruck bringen als mit den ihm bekannten Texten und Formeln, mit Liturgien, die das Leben feiern; mit Ritualen und Geschichten von Menschen, die vor uns gelebt haben. Darum ist mir die biblische Tradition wichtig.

Die Leitfrage ist: Was inspiriert mich, was öffnet mir das Herz? Das können biblische Erzählungen, Mythen und Legenden sein, das kann die Weihnachtsgeschichte oder es können Gospels sein. Darum sollten wir die christliche Glaubenstradition in einer Weise weiterführen, die der heutigen Weltsicht und Lebenserfahrung der Menschen Rechnung trägt.

Ein neues Miteinander

Die Frage ist: Was berührt mich? Da kann ich mich von berührenden Begegnungen in meinem Alltag, von berührenden Erfahrungen mit meinen Mitmenschen anregen lassen. All die spirituellen Ausdrucksformen, ob sie nun über Jahrtausende entstanden sind oder erst gestern in einem ehrlichen und offenen Gespräch mit einem Mitmenschen, entstammen der gleichen Quelle der Erfahrung der uns übersteigenden Grössen, wie die Erfahrung von Schutz, von Schönheit, von Einheit mit der Natur. Diese Erfahrungen sind der Boden, auf dem sich ein neues Miteinander zwischen Gläubigen und Atheisten, zwischen den Völkern entwickeln kann.

Ella de Groot ist Pfarrerin in Muri-Gümligen.

Foto: pixabay.com