Montag, 19 Februar 2018 16:21

Anonyme Christen und anonyme Atheisten

90 Prozent anonyme Christen?
Die Herausforderung lautet zunehmend: Wie umgehen mit der schweigenden und nicht sichtbaren Mehrheit der Kirchgemeinde? Fünf Anregungen für Diskussionen.
    1. Rückzug auf den Kern
      Es gilt der Grundsatz des Ausblendens: Die Gemeinde sind die Aktiven, die Abwesenden werden nicht zur Kenntnis genommen und sind nie ein Thema. Der Gemeindebrief geht natürlich auch an sie, aber das erledigt eigentlich der Computer. Der Rückzug auf den Kern hat Züge von Verdrängung, um nicht die schmerzliche Realität zur Kenntnis zu nehmen und die geleistete Arbeit infrage zu stellen
    2. Stigmatisierung
      Es gilt der Grundsatz der Schuldzuweisung: Wer nicht in die Kirche kommt und nicht am Gemeindeleben teilnimmt, ist im Unrecht. Das verführt leicht zur Haltung: «Wir sind die Guten, sie die Schlechten.» Diese Selbstgefälligkeit verbaut Chancen zur Veränderung und zementiert Gewohnheiten. Bei einer solchen Konstellation stösst Kritik von aussen auf Konsternation und Ablehnung.
    3. Wahrnehmende Demut
      Es gilt der Grundsatz der Demut: Wir sind so wenig und möchten gerne mehr sein. Der Ist-Zustand wird in der Gemeinde benannt und in Einladungen und Ankündigungen ausgespielt. Der Wir-brauchen-Sie-Appell wirkt durch seine Ehrlichkeit einbindend.
    4. Einbinden
      Es gilt der Grundsatz der offenen Dienstleistung: Was können wir besser machen? Mit einer Umfrage oder konkreten Fragen im Gemeindebrief werden inaktive Mitgliederkonkret gebeten, ihre Wünsche und eben möglicherweise Gründe für ihr Fernbleiben aufzulisten. Das bedingt geistige Disponibilität auf der Seite der Gemeindeleitung, um zu verändern und dadurch geistig wach zu bleiben.
    5. Stimulus
      Es gilt der Grundsatz: Die Kirche geht zu den Menschen. Die Gemeindeleitung lanciert Projekte und lädt das Quartier zum Mitmachen ein: Einrichtung eines Quartiertreffs, eines Internetcafés für Asylsuchende, einer Plattform für Nachbarschaftshilfe usw. Die Kirche wird damit ausserhalb ihrer festen Struktur erlebbar und schafft dadurch einen neuen Zugang

Fazit
Das anonyme Christentum kann auch als eine ermutigende Realität gesehen werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Gemeindeleitungen darauf einlassen.
Das Gemeindeleben ist heute von anonymen Christen geprägt. Sie zahlen Kirchensteuern, nehmen aber nicht am Gemeindeleben teil und geben sich auch nicht als Christen zu erkennen.

Der Theologe Karl Rahner war seiner Zeit voraus. Er sah, um es vereinfacht zu sagen, das amtskirchliche Christentum als Minderheit und betonte die Bedeutung spiritueller, ausserkirchlicher Aspekte der Religion. Er tat das in einer Zeit, in der eine politisch zu idealistische, aber kulturell bedeutende Kulturrevolution der 1968er-Jahre den Westen bewohnbar gemacht hatte. Nun fand diese Revolution nur in den Universitätsstädten statt und nur an bestimmten Fakultäten; es war eine mutige Minderheit, aber aus der Sicht von heute prägt die das Bild der ganzen Generation. Schon auf dem Land fand diese Revolution gar nicht statt und an die Stelle der Sehnsucht nach sozialistischen Diktaturen trat schnell die nach Levis-Jeans, Adidas-Turnschuhen und Rockmusik. Der Dorfpunk war nicht mehr linksradikal, las nicht Karl Marx, sondern hielt sich am Dosenbierfest, hing am Brunnen ab und pflegte eine gewisse Faulheit. Umliegend allerdings existierte eine unspektakuläre christlich-bürgerliche Normalität.

Der Blick richtete sich auf die schillernden Subkulturen, aber aus der Sicht geriet, dass über diese ganze Zeit hinweg für die Mehrheit der Kirchgang, zumindest Weihnachts- und Ostermesse, kirchliche Taufe, Hochzeit und Beerdigung, der Besuch konfessioneller Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, die Teilnahme an Angeboten der Erwachsenen- und Weiterbildung in kirchlicher Trägerschaft, der Besuch kirchlicher Museen, die Bewunderung der Architektur der Kirchen selbst, die ganze Geschichte der christlichen Malerei und Musik die Normalität bestimmt hat. Die Mehrheit im Westen ist eingebettet in eine christlich geprägte Alltagskultur; auch ohne Amtskirche.

Der Mensch braucht Spiritualität

Auf Umwegen holt viele ihre Glaubensfähigkeit wieder ein: Sie verehren zum Beispiel den Dalai Lama, idealisieren und adaptieren Elemente der tibetischen, japanischen, indischen oder chinesischen Religion, machen Urlaub im Kloster, essen Delikatessen aus Klostergärten und glauben an die Naturheilkunde Hildegard von Bingens. Der Mensch brauche keine Religion, aber er brauche Spiritualität; wenn der Dalai Lama das sagt, fühlen sich im Westen viele angesprochen – als Karl Rahner das in anderen Worten vertrat, galt es weniger. Dabei weisen die buddhistischen Meister selbst darauf: «Wenn du Freude an Sitzmeditation hast, so übe dich in Sitzmeditation. Magst du Gehmeditation, übe dich in Gehmeditation. Aber bleibe bei deinen jüdischen, christlichen oder moslemischen Wurzeln. Auf diese Weise trägst du den Geist Buddhas weiter. Bist du von deinen Wurzeln abgeschnitten, kannst du nicht glücklich sein.», schreibt der Zen-Meister Thich Nhat Hanh. Der Hinweis wird aber leider strategisch überhört. So kann heute jeder damit beeindrucken, wenn er mit seinem Zen-Lehrer über die Probleme seines spirituellen Wegs spricht, aber wer erzählt, er habe das Beichtgespräch in seiner Gemeinde genutzt, erntet schräge Blicke. Ein buddhistisches Retreat wird ganz anders bewertet als die jesuitischen Schweigeexerzitien; vor allem von denen, die die Unterschiede gar nicht kennen.

Liebe als Handlung

Karl Rahner vertrat mit seinem Hinweis auf das ausserkirchliche, ja sogar «ausserchristliche» Christentum eine dem Buddhismus verwandte Haltung: Wer Aspekte der Selbstlosigkeit und der Nächstenliebe praktiziert – der bewegt sich auch dann in der Nachfolge Christi, wenn er selbst mit Kirche und Bibel im engeren Sinne gar nichts am Hut hat. Wenn Liebe als Handlung verstanden wird, und nicht als salbungsvolles Gerede, dann zählt die Handlung weit mehr als die christliche Rhetorik. Wer barmherzig handelt, der muss schliesslich nicht begründen, aus welchen Beweggründen er das tut. Es wird Gott, konfessions- und religionsunabhängig gefallen, wenn die Handlungen der Ethik der Bergpredigt entsprechen. Ob die Kraft dazu im Gebet oder im Zazen gewonnen wird, aus der Lektüre Kants oder Schopenhauers, auf daoistischen Wegen oder einer schlichten Alltagsorientierung am gesunden Menschenverstand – das wird vor Gott nicht entscheidend sein. Entscheidend könnte sein: Wie hat man gehandelt? Und nicht: Wie hat man das begründet?

Dass auch in den westlichen Angeboten des Yoga, des tibetischen Buddhismus oder des Zen viele eher an Wellness und weniger an ernster spiritueller Entwicklung interessiert sind, ist nicht zu übersehen. Gerade der Dalai Lama hat viele Fans, die sich an wohlklingenden Zitaten erfreuen, die sich prima für einen Facebook-Post eignen und die immer politisch korrekt sind.

Gerade der Begriff der Meditation wird inzwischen für alles verwendet, was Freude macht – und hat somit mit der Geistesruhemediation im Lotussitz gar nichts mehr zu tun. Ähnlich im christlichen Glauben: Auch Menschen, die weder beten, barmherzig handeln, die Feiertage ehren noch in die Kirche gehen oder die Bibel lesen, bezeichnen sich als Christen. Sie sind, nimmt man Rahners Begriffsstrategie einmal auf, eher «anonyme Atheisten». Und gerade die bringen – oft als «Wutbürger» – schon seit Längerem die Angst vor dem Islam, vor «Überfremdung» ins Spiel. Schaut man auf die AfD in Deutschland, so wird deutlich, dass sich diese Partei als «christlich» versteht, ohne sich an christlichen Werten zu orientieren. Ein paradoxes Phänomen. Selbst Trump, der permanent gegen das Gebot, man solle nicht lügen, verstösst, der eher den Hass befeuert und selten und nur selektiv die Nächstenliebe, zeigt sich lächelnd mit dem Papst. Auch er ist in diesem Sinne ein «anonymer Atheist», der sich mit dem Label «Christ» ungerechtfertigter Weise schmückt. Anonyme Atheisten wollen sich meist einfach an einen Mainstream anpassen.

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