Dienstag, 05 Dezember 2017 11:54

An Weihnachten obdachlos Empfehlung

In der Schweiz verbringen Hunderte von Menschen jede Nacht im Freien. In der Stadt St. Gallen sieht man sie aber nicht mehr. Daraus lassen sich Lehren ziehen – auch für den Fall, dass ein Obdachloser bei der Pfarrei klingelt.

Als «nicht erheblich» stufte der Stadtrat St. Gallen am 11. Februar 2015 die «Einfache Anfrage» der Sozialarbeiterin Beatrice Truniger Blaser vom 10. Februar 2015 ein. Dabei wollte sie wissen, «wo Obdachlose schlafen», wenn es in der Stadt zu kalt ist, denn «für diese Menschen» sei die Winterzeit «besonders hart»: kein Geld, kein Essen, kein Obdach.

Diese Anfrage wirft einen grellen Blick auf die Situation von Menschen, die kaum im Stadtbild zu sehen, aber dennoch da sind. Im Gespräch mit Fachpersonen, vor allem mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, erfährt man, wie schnell ein Mensch zum Obdachlosen werden kann, sei es durch ein schlechtes Verhältnis zu den Eltern, wodurch vor allem Jugendliche in die Obdachlosigkeit geraten, durch eine Sucht, den Verlust der Arbeitsstelle oder Schicksalsschläge wie der Tod eines geliebten Menschen. Von Obdachlosen selbst hört man, wie schwierig es für sie ist, eine Wohnung oder eine neue Arbeit zu finden. In jedem Fall ist klar, dass die Mehrheit der Randständigen nicht freiwillig auf der Strasse lebt.

Abnehmende Solidarität

«Das eigentliche Problem in der Stadt St. Gallen ist die verdeckte Obdachlosigkeit», erklärt Sozialarbeiter Dirk Rohweder, der während fünf Jahren bis vergangenen August die Gassenküche St. Gallen leitete. Er meint damit die Situation von Personen, «die bei Freunden oder Bekannten wohnen oder sich auf diese Weise durchschleppen». Einen Hauptgrund für Obdachlosigkeit sieht Rohweder in der Verschärfung der Situation auf dem Wohnungsmarkt. «Es gibt einfach keinen sozialen Wohnungsbau, alles soll nur noch der Markt regeln. In Zukunft wird es auch hier in St. Gallen noch schwieriger werden, an bezahlbare Wohnungen zu kommen. Im Augenblick können Menschen, die zur Klientel der Gassenküche gehören, noch billige Wohnungen finden. Aber das wird sich ändern.»

Was können die Mitarbeiter der Gassenküche tun, wenn sie von einem ihrer Gäste erfahren, dass er auf der Strasse lebt? Die erste Frage an den Gast lautet, ob er irgendwie «vernetzt» ist, in einer anderen Einrichtung oder bei einer Behörde. Falls nicht, sind die Sozialarbeiter bemüht, Kontakte herzustellen; sie sorgen dafür, dass der Obdachlose beim Sozialamt angemeldet wird. Unter Umständen gehen sie sogar einmal mit, um ihm die Schwellenangst zu nehmen. Wichtig ist auch der gute Kontakt zur Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit, die dem Obdachlosen bei der Wohnungssuche behilflich ist.

Jeder für sich

Wie ist es eigentlich um die Solidarität unter den Randständigen bestellt? «Früher war die Solidarität grösser, wobei man aber sagen muss, dass diese Art Solidarität keine selbst gewählte war, sondern man musste sich gegenseitig helfen, sich über Wasser zu halten. Das hat sich geändert, heute schaut jeder mehr auf sich. Allerdings auch aus einem positiven Grund: Die Angebote für Obdachlose hier in der Stadt, die auch häufig alkohol- und oder suchtmittelabhängig sind, wurden seit den 1990er-Jahren sukzessive ausgebaut.»

Unterdessen kommt es selten vor, dass in der Stadt nachts Obdachlose aufgegriffen werden. Ein Grund dafür ist die Unterkunft für Obdachlose (UFO) im Haus zur Grünhalde, eine niederschwellige Notschlaf- und Auffangstelle, in der die primären Bedürfnisse abgedeckt werden: ein Bett, Verpflegung, Waschmöglichkeit, einfache medizinische Versorgung sowie soziale Kontakte. Wer immer wieder in die UFO kommt, wird von der Sozialhilfe betreut. Aber nur St. Galler Obdachlose dürfen um eine Schlafstelle nachfragen. Für auswärtige Obdachlose stellt die Heilsarmee Betten gratis zur Verfügung, einschliesslich eines kostenlosen Nachtessens jeden Montag, Mittwoch und Freitag.

Und was ist mit jenen, die nicht in die Notunterkünfte gehen? «Sie übernachten draussen, in Hauseingängen, in Parkgaragen, in der Waldhütte am westlichen Stadtrand oder bei Privatpersonen, die sie kennen», erklärt Dirk Rohweder. Ihr Essen besorgen sie sich, wenn sie nicht die Essenausgabestellen anlaufen, zum Beispiel in Containern, die sie durchwühlen. «Das scheint zugenommen zu haben», so Rohweder.

Dass es so wenige Obdachlose in St. Gallen gibt, die draussen übernachten, hängt sicher auch damit zusammen, dass das «Campieren auf dem öffentlichen Grund» verboten ist und mit einer Ordnungsbusse von 50 Franken geahndet wird. Seit 2006 gibt es in St. Gallen den Wegweisungsartikel, der es der Polizei erlaubt, Personen von einem Ort oder aus der Stadt wegzuschicken. Für die Wegweisung reicht bereits ein «begründeter Verdacht» aus. Damit wird das Grundrecht der Bewegungsfreiheit klar eingeschränkt. Die häufigsten Wegweisungsgründe sind die Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie der Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz. Bis zu drei Mal täglich macht die Polizei in St. Gallen von diesem Artikel Gebrauch. Seit dem Spitzenjahr 2011 ist die Anzahl der Wegweisungen rückläufig. Die Polizei konzentriert sich wieder vermehrt auf andere Probleme. Diese Tendenz ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Obdachlosigkeit in St. Gallen versteckt, verdeckt, wenig sichtbar ist.

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