Das Christentum ist vielfältiger als man allgemein annimmt. Das zeigt sich deutlich in
Jerusalem. Die in der Stadt sesshaften Christen verteilen sich auf rund 50 verschiedene
Konfessionen und Kirchen. An Ostern gehört Jerusalem ganz ihnen.

Es ist Samstagmorgen, die äthiopisch- orthodoxen Christen Jerusalems haben sich zum Gottesdienst
in der Kidane-Mihiret-Kirche des Klosters Debre Genet (Heiligtum des Paradieses) versammelt. Bunt wie die äthiopische Kirche ist das konfessionelle Gefüge Jerusalems: Während die meisten westlichen Länder mit zwei Hauptkonfessionen auskommen, sind in Jerusalem fast alle christlichen Richtungen bis heute präsent. 13 Kirchen sind staatlich anerkannt, aber insgesamt
verteilen sich die in der Stadt sesshaften Christen auf rund 50 verschiedene Konfessionen und Kirchen, einschliesslich einer kleinen hebräischsprachigen Gemeinde. Die grosse Mehrheit der Jerusalemer Christen ist aberarabischstämmig – und gehört damit zur ethnischen Minderheit der Stadt. Mit einem Bevölkerungsanteil von weniger als zwei Prozent stellen sie gegenüber Juden und Muslimen auch religiös eine Minderheit dar – eine Ausgangslage, die mitunter zu Paradoxen führt. Wer an Palästinenser denkt, denkt in der Regel nicht an Christen. Blickt man von aussen auf die 800 000-Einwohner- Stadt als Ganzes, könnte man die Präsenz der Christen glatt übersehen. Am christlichen Sonntag beispielsweise rollt der Verkehr wie normal. Christliches Leben findet im Stadtbild kaum statt. In der Altstadt wiederum, auf gut einem Quadratkilometer dicht besiedelter Fläche, sind die wenigen Tausend Christen so sichtbar, dass man ihre doppelte Minderheitenrolle übersehen Foto: Andrea könnte. Vor allem aber gilt: Christen gehören zu Jerusalem, seit es das Christentum gibt.

Für sechs Konfessionen. Die Luft ist russgeschwängert, Platz Mangelware. Die Franziskaner als Hüter der katholischen heiligen Stätten und griechisch-orthodoxe Christen feiern Palmsonntag in der Grabeskirche. Nacheinander ziehen auch armenische,
koptische und syrisch-orthodoxe Christen im Gefolge ihrer jeweiligen Oberhäupter mit grossen Palmwedeln, Kerzen und Bannern ihre Runden um die kleine Grabkapelle. Sechs Konfessionen – Griechen, Lateiner und Armenier als Besitzer, Kopten, Syrer und Äthiopier als zusätzliche Nutzniesser – teilen sich die Rechte am wichtigsten Heiligtum der Christenheit. Auf engstem Raum manifestiert sich die christliche Jerusalemer Vielfalt in für darin Ungeübte teils bizarrer Kakofonie. Das liturgische und rituelle Mit- und Nebeneinander der verschiedenen Konfessionen ist dabei so komplex und historisch gewachsen wie der auch auf den zweiten Blick noch unübersichtliche Kirchenbau. Ein Regelwerk aus dem Jahr 1852, im Jerusalemer Sprachgebrauch der sogenannte «Status quo», ist die omnipräsente Referenz, anhand derer das nicht immer konfliktfreie innerchristliche Zusammenleben geordnet wird.

Zwei weitere Regelwerke prägen den Rhythmus der interkonfessionellen Interaktion in Jerusalem: Während die katholischen Christen nach dem – weltweit gebräuchlichsten – gregorianischen Kalender feiern, richten sich die verschiedenen orthodoxen Kirchen nach dem älteren julianischen Kalender. Die unterschiedlichen Kalender beeinflussen die beweglichen Feiertage, sodass es schon mal vorkommen kann, dass die katholischen Christen in der Grabeskirche das Halleluja von Ostern ertönen lassen, während die mehrheitlich orthodoxen Konfessionen ihre Palmwedel schwenken. Im Extremfall hat die Fastenzeit der Orthodoxen gerade erst begonnen, wenn bei den Katholiken bereits die Osterkerze brennt. Andernorts in Nahost eingeführte Versuche, sich auf ein gemeinsames Osterdatum zu einigen, scheitern zumindest in der Grabeskirche am Status quo. Tod und Auferstehung, so scheint es, liegen in Jerusalem nicht nur zeitlich nah beieinander, sondern haben synchron Platz in der Feierpraxis des Ursprungsorts der Christenheit. Konfessionen-Treff auf dem Ölberg Frischluft ist, anders als in der Grabeskirche, auf dem Ölberg keine Mangelware. Aber zu Höchstzeiten, wenn Christi Himmelfahrt für Ost- und Westchristen
auf dasselbe Datum fällt, wird es eng, auch rund um das kleine Himmelfahrtskapellchen. Im Innern dürfen einzig die Franziskaner feiern, die anderen Konfessionsgruppen schlagen im Hof um das Oktogon aus Kreuzfahrerzeit ihre Zelte auf – wörtlich: Rechts hinter der Kapelle haben die Griechisch-Orthodoxen ihr grosses Gottesdienstzelt, daneben – analog ihrer zahlenmässigen Bedeutung – die Syrer ihr kleines Zeltchen, gefolgt von ein paar Metern koptischen Planen. Sakristei-Zelte, Schlafzelte und Wirtschaftszelte füllen den restlichen Raum. Sprachen, Weihrauch und Liturgien verschwimmen in den Sinnen des Betrachters, während die Feiernden von Zelt zu Zelt ziehen, um Grüsse auszutauschen, Streit zu schlichten oder einander zum Kaffee einzuladen. Dann sitzt der lateinische Christ, der als Kawas, als kirchlicher Bodyguard, in der Ehrengarde der Griechen arbeitet, mit dem griechisch-orthodoxen Kawas in der Ehrengarde der Lateiner zusammen. Die türkisch anmutende
Uniform ist wie der Status quo ein Relikt aus längst vergangener osmanischer Zeit. Erfordert die gemeinsame Nutzung von heiligen Stätten eine geradezu minutiöse Planung, ist Konfessionalismus den Jerusalemer «Otto-Normal- Christen» im Alltag völlig fremd. «Ich bin Christ», lautet entsprechend die gängige Antwort auf Fragen nach der Konfessionszugehörigkeit. Nicht zuletzt durch die vielen gemischtkonfessionellen Familien ist Ökumene (ausserhalb der offiziellen kirchlichen Hierarchie) für Jerusalemer kein Thema. Man feiert einfach zweimal, wenn sich die Kalender wieder einmal nicht einig sind.
Muslime verwalten den Schlüssel Die Hoheit über die Schlüssel zum heiligsten Ort der Christenheit liegt in den Händen einer muslimischen Familie – und das schon seit Jahrhunderten. Die Grabeskirche öffnet jeweils ihre Pforten nach althergebrachtem Zeremoniell durch muslimische Hand: Adeeb Jouneh bringt den Schlüssel zum Heiligtum, Wajeeh Nuseibeh klopft mit dem
schweren Klopfer an das Portal. Es öffnet sich ein kleines Fenster, durch das aus dem Innern des Heiligtums eine Leiter
geschoben wird. Mit ihrer Hilfe öffnet Türwärter Nuseibeh das obere Schloss der Tür, dann das untere, bevor er den Schlüssel an seinen Wärter Jouneh und die Leiter zurück ins Innere der Kirche reicht. Wie jeden Morgen ausser sonntags. Dann bleiben die Türen auch nachts offen.

«Wir sind eine muslimische Familie, und wir haben die Schlüssel zur Grabeskirche seit dem siebten Jahrhundert zuerst vom Kalifen. Einer aus unserer Familie bekam den Schlüssel, der dann vom Vater zum Sohn immer weitergegeben wurde, bis die Kreuzfahrer kamen. 88 Jahre lang hatten sie den Schlüssel. Dann gab ihn uns Saladin», erklärt Nuseibeh. Kalif Omar Ibn Khattab verfügte im Jahr 637 per Dekret, dass die Familie Nuseibeh die Schlüsselgewalt über die Grabeskirche haben soll. Als Sultan Saladin 1187 die Kreuzfahrer aus Jerusalem vertrieb, setzte er die Familie Jehoudeh als neue Schlüsselverwalter ein. Die Jehoudehs verwahren die Schlüssel bis heute, während die Nuseibehs nur aufschliessen. Während die Aufgabenverteilung
hinsichtlich der Schlüssel seit Jahrhunderten klar ist, ist das Arrangement in der Grabeskirche filigran und schwierig. Jede christliche Konfession wacht eifersüchtig über jeden Winkel der Kirche. Griechisch-orthodoxe, armenisch-apostolische, römisch-katholische Mönche, ägyptische Kopten, äthiopisch-orthodoxe Mönche leben in einem heiklen Status Quo in der heiligen Kirche. Alles ist genau geregelt: wer zu welcher Zeit an welchem Ort welche Riten ausführen darf, wer den Boden reinigt, wer die Kerzen anzündet.