Manchmal hilft ein Blick über den Tellerrand, um für die Seelsorgearbeit neue Inspiration
zu finden. Georg Bätzing, katholischer Bischof von Limburg, hat in Frankfurt einen
besonderen Weg eingeschlagen. Bischof Georg Bätzing kommt nach zahlreichen Visitationen in Frankfurt zum Schluss, ein einfaches «Weiter so» könne es nicht geben. Alle sähen, es brauche Veränderung. Seine Überzeugung lautet: «Genug Kirchen, aber zu wenig Kirche.» Es gehe heute darum, nach dem zu fragen, was die Menschen bräuchten. Bischof Bätzing war im vergangenen Jahr an insgesamt 50 Tagen zur Visitation in Frankfurt mit 300 Terminen. In seiner Predigt zum Jahreswechsel ging er auf Erlebtes ein, was nachvollziehbar macht, was er mit seinen Forderungen konkret meint: «Die vielen Begegnungen und Gespräche während der Visitation in diesem Jahr haben meinen Blick für diese geschichtsträchtige bürgerliche Stadt mit ihrer internationalen Lebenskultur, ihrer Vielfalt von Religionen und Weltanschauungen und mitten darin dem engagierten Glaubenszeugnis katholischer Christinnen und Christen sehr geweitet. Frankfurt ist mir durch die vielen Menschen, die ich treffen konnte, und ihr lebendiges Bemühen, fromme Zeitgenossen mit Bodenhaftung und Verantwortung zu sein, ausserordentlich sympathisch geworden. (…) Heute Abend möchte ich Ihnen einfach nur drei Geschichten erzählen, die mich bewegt haben und die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen, weil sie etwas mit dem zu tun haben, was wir im
Zusammenhang von Kirchenentwicklung als Perspektivwechsel bezeichnen. Vielleicht berühren diese Geschichten bei Ihnen eigene Erfahrungen und Fragen, die Sie in sich tragen.
Szene 1: Die Schwestern der Mutter Teresa leben mittlerweile am Rande des Westends in einer ordentlichen Wohnung.
Man muss nur die Mainzer Landstrasse überqueren, und schon verlässt man dieses gut situierte bürgerliche Viertel und findet sich in der ganz anderen Welt des Bahnhofsviertels wieder. Einen Nachmittag lang war ich mit den Schwestern hier unterwegs, um denen «ganz unten», den Drogenabhängigen etwas Gutes zu tun. Zielstrebig steuern die Schwestern mit ihren Einkaufstaschen voll mit Butterbroten und Getränken bestimmte Punkte an. Sie werden erwartet. Sobald sie ihren kleinen
«Laden» aufbauen, sammelt sich eine Traube von Menschen. Das Elend steht diesen Leuten ins Gesicht geschrieben.
Junge und Ältere, in der Regel ausgemergelte Menschen kommen und bitten um eine Ration. Die Schwestern kennen einzelne
und sprechen sie an. Wo die Bereitschaft besteht, vermitteln sie auch einmal Rat und Hilfestellung. Aber ihr eigentliches Anliegen ist es, diesen Menschen mit einem Brot zugleich etwas Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken. Die, die zusammenkommen, wissen es: Zuerst wird gebetet. Diesen Augenblick werde ich nicht vergessen. Es sind ja nicht alles Christen, die da zusammenkommen. Aber alle sind unruhig Getriebene durch ihre Abhängigkeit. Und trotzdem stellt sich bei dem kurzen Gebet ein Moment der Ruhe und Würde ein. Jede und jeden Einzelnen von diesen Menschen sieht Gott. Es ist nicht nur eine anonyme Masse von Junkies; da hat jeder sein Leiden, seine Wunde, seine unerfüllte Sehnsucht, seine materielle
Not, die ihn in die Abhängigkeit getrieben hat. So zu leben ist gefährlich, entrinnen schwierig, die Lebensaussichten
finster. Aber der gütige Blick und die Geste der Schwestern bringen Gott ins Spiel dieser unwürdigen Verhältnisse, und das ist mehr, als man hoffen darf. An der nächsten Station sitzt eine ruppe vor der Tür einer Bar und verwickelt mich in ein kurzes Gespräch, nachdem mich die Schwestern sozusagen «geoutet» haben. «Ach, Sie sind jetzt der Bischof von Limburg. Ist das nicht dort, wo das Haus mit der goldenen Badewanne steht? Und sagen Sie mal: Die Leute von der Kirche sind ja eigentlich ganz okay, aber dass die Pfarrer Kinder missbrauchen … .» Das hat gesessen, und es sitzt tief bei mir: Selbst Menschen in dieser erbärmlichen Lebenslage nehmen wahr, was uns in unserer Glaubwürdigkeit zutiefst erschüttert und zur
Umkehr drängt. Vor allem aber schoss mir durch den Kopf: Wer ist hier eigentlich «am Rande» und in Erklärungsnot – diese Menschen oder ich in meinem Amt und wir als Kirche? Ich will seitdem nicht mehr gerne die gut gemeinte Wendung
von Papst Franziskus in den Mund nehmen, wir sollten als Kirche «an die Ränder gehen», um das Evangelium besser
zu verstehen, das wir auszurichten haben. Wie sensibel muss unsere Sprache werden, und wie bescheiden unser
Selbstbild, wenn wir den Weg an die Seite der Menschen finden wollen. (…) Letzte Szene: Mein erster Besuchstag
in der Pfarrei St. Bonifatius ist das Herz-Jesu-Fest, der 8. Juni. (…) Am Nachmittag besuche ich den Kirchort
St. Aposteln, wo die Steyler Schwestern zusammen mit Ehrenamtlichen der Pfarrei seit 2016 ein Kleidercafé anbieten.
Kleidercafé ist untertrieben, denn die Räume sind nach Art einer Boutique attraktiv gestaltet. Viele kommen im
Café zusammen.

Neu im Angebot ist das sogenannte «Nachtcafé»: Frauen aus derStadt, die durch alle Netze des Hilfesystems
fallen, werden von Beraterinnen auf die Möglichkeit verwiesen, hier in Räumen direkt bei der Kirche einen
Schlafplatz zu haben. Kirche als sicherer Ort. (…) Nachher sitzen wir zusammen über den gemeinsamen Plänen von Caritasverband und Pfarrei, die Infrastruktur für die besonderen Angebote an diesem Ort zu verbessern: Kleidercafé,
Nachtcafé und Lebenshaus. Als ich anmerke, dass doch der Kirchenraum sehr gross und wenig genutzt ist
und vielleicht umgewidmet werden könnte, wendet die Ordensschwester ein: «Die Kirche muss bleiben. Sie ist
Mittelpunkt und Vorzeichen, ohne das unsere Arbeit nicht möglich wäre.» Als wir in der Kirche mit dem eindrucksvollen
Kreuz stehen, bin ich innerlich bewegt und auch beschämt. Ja, hier ist ein Ort des offenen Herzens Gottes. Also
doch Herz-Jesu-Fest. Als mir die Kirche noch kurz vorgestellt wird, kommen wir auch am Beichtstuhl
vorbei. Ich merke die Zurückhaltung, ihn mir zu zeigen. Aber dann öffnen Ehrenamtliche doch die Türen.
Darin lagern die Nachtkisten mit Decken und Habseligkeiten der Frauen. Gebeichtet wird hier wohl schon lange
nicht mehr. Oder doch? Sind nicht diese Habseligkeiten ausgebeuteter Frauen Symbol für die himmelschreienden
Sünden unserer Welt? Dieser Festtag des Heiligsten Herzens Jesu wird mir in Erinnerung bleiben. Selten habe ich die
Berührung von Gottesdienst und Leben, christlicher Spiritualität und gelebter Caritas, dem Kern unserer Glaubensbotschaft
und den Realitäten einer Metropole so deutlich gespürt wie an diesem Tag. (…) Die Visitation in Frankfurt hat mich verändert. Und sie hat meinen
Glauben vertieft. (…)»