Fast überdeckt das Lutherjahr 2017 die Tatsache, dass auch des Wittenbergers grosser Namenspatron, der heilige Martin von Tours, einen Jahrestag hat. 2016 oder 2017, genauer weiss man es nicht, jährt sich sein Geburtstag zum 1700. Mal.
Die Gänse und St. Martin
Die Bürger von Tours wollten Martin zu ihrem Bischof ernennen. Martin, der in freiwilliger Armut lebte und die Hütte vor der Stadtmauer den Palästen vorzog, empfand sich des Amtes als unwürdig. Er versteckte sich in einem Gänsestall. Aber die Gänse schnatterten vor Aufregung über den ungewohnten Gast und verrieten ihn so. Am 4. Juli 372 wurde er zum Bischof von Tours geweiht. Die Gänse, obwohl sie im Dienst der frommen Sache gearbeitet hatten, mussten fortan dran glauben, bis heute ist ihnen nicht verziehen. Zu St. Martin am 11. November – dem Tag seiner Beisetzung – werden sie geschlachtet und verspeist.

Sankt Martin gehört nicht nur zu den volkstümlichsten Heiligen, sondern zu den wenigen, die überkonfessionell Wertschätzung erfahren. Auch in evangelischen Gegenden halten Lieder, Bräuche, Märkte, Martinskirchen, nicht zuletzt die armen Martinsgänse seinen Namen und seinen Gedenktag am 11. November lebendig. Geboren wurde Martinus, benannt nach dem Kriegsgott Mars, 316 oder 317 als Sohn eines römischen Militärtribuns in Ungarn. Er wuchs in Oberitalien auf und kam als Jugendlicher mit dem Christentum in Berührung. Auf Geheiss seines Vaters ging er widerwillig zum Militär. Zuerst diente er in der Leibwache des Kaisers Konstantin, dann war er überwiegend in Gallien stationiert. Im Winter 338, sagt die Legende, kam es am Stadttor von Amiens zu der berühmten Szene, in der er seinen Umhang für einen frierenden Bettler in zwei Teile zerschnitt. Vor einer Schlacht in der Nähe des heutigen Worms gegen die Germanen verweigerte Martin den Gehorsam. Er hatte sich 351 taufen lassen und galt vielen bereits als heiliger Mann. Und nun wollte er nur noch «Miles Christi» – «Soldat Christi» – sein. Dort, wo seit dem 9. Jahrhundert eine Martinskirche steht, soll sich der Kerker befunden haben, in den der frühe Kriegsdienstverweigerer geworfen wurde.

Erst nach Ablauf seiner obligatorischen 25-jährigen Dienstzeit, um 356 oder 357, wurde er entlassen und durfte den Militärdienst quittieren. Eigentlich wollte er nun ein Dasein als Einsiedler wählen. Er zog sich auf die Insel Gallinara bei Genua zurück, musste aber bald vor seinen immer zahlreicheren Anhängern fliehen. 361 gründete er die Abtei Ligugé, das erste Kloster des Abendlandes, 375 ein weiteres, das Kloster Marmoutier bei Tours. Am 4. Juli 372 wurde er zum Bischof von Tours gewählt. Am 8. November 397 starb er auf einer Visite in Candes, einem kleinen Dorf seines Bistums. Unter grosser Beteiligung der Bevölkerung wurde sein Leichnam in einer Lichterprozession, auf die die heutigen Laternenumzüge zurückgehen, 50 Kilometer loireaufwärts nach Tours überführt. Am 11. November wurde er in Tours beigesetzt.

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