An Pfingsten hat Gott den Menschen seinen Geist gegeben –aber wer oder was ist er eigentlich, dieser Heilige Geist, und was macht er auf Erden?

Feuer, Wasser, Wind und Atem – damit wird in der Bibel das Handeln des befreienden Geistes Gottes verglichen, der auch Geist Christi (Röm 8,9) heisst. Wie Feuer und Atem, so ist Gott durch seinen Geist für Menschen erfahrbar. Der Genfer Reformator Johannes Calvin wurde dadurch zu neuen Vergleichen inspiriert: Gottes Geist, so sagte er, sei wie eine Quelle und wie eine zupackende Hand. Er sei Gottes Kraft im Hier und Jetzt, zugänglich für jede und jedermann. Am ersten Pfingstfest wurde Gottes Geist auf «alles Fleisch» (Apg 2,17) ausgegossen. Er bewirkte den Glauben an Jesus, die Taufe, den Gottesdienst und das von Liebe bestimmte Leben der ersten Gemeinde. Dabei brachte er nicht nur Gott und Menschen in Verbindung, sondern auch die Gläubigen untereinander. Doch obwohl der Heilige Geist den Menschen als Beistand gegeben wurde, nachdem Jesus in den Himmel aufgefahren war, bleibt er vielen ein Mysterium. Gott und Jesus werden angebetet, mit ihnen verbinden viele Menschen biblische Geschichten und ganz bestimmte Eigenschaften. Doch der Heilige Geist wirft Fragen auf. Zum Beispiel die Folgenden: Vater, Sohn und Heiliger Geist – welche Rolle spielt der Geist in der Dreieinigkeit?

Der Kirchenvater Augustin bezeichnete den Heiligen Geist als die Liebe zwischen Vater und Sohn, die in die Welt ausstrahlt. Hier bricht die Frage auf, ob der Heilige Geist Person oder Kraft ist oder beides. Kraft ganz bestimmt! Der Begriff Person jedoch kann auf Gott nicht ohne weitreichende Erläuterungen angewendet werden. Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes macht im Grunde zwei widersprüchliche Aussagen: Gott offenbart sich in seinem Wort als Vater, Sohn und Geist, und wie er sich offenbart, so ist er auch: ein einziger, und dennoch dreifach verschieden. Darin zeigt sich, dass menschliches Denken Gott nicht vollständig erfasst. Dennoch gilt, was der Züricher Reformator Huldrych Zwingli in seiner ersten Berner Predigt 1528 formuliert hat: Der Geist «ist die dritte Person der Gottheit. Auf ihn setzen wir unser Vertrauen wie auf den Vater und den Sohn, denn er ist ein Gott mit ihnen.» Wieso beten Christen zu Jesus und Gott – nicht aber zum Heiligen Geist? Das Gottsein des Heiligen Geistes ist in der Kirchengeschichte deutlich später bestimmt worden als die Gottheit Jesu, und zwar im Jahre 381 nach Christus im Nicäno-Konstantinopolitanum. Darin wird gesagt, dass der Geist «mit dem Vater und dem Sohn zusammen angebetet und gepriesen» wird. Hauptaufgabe des Geistes ist es, Menschen Glauben an Jesus zu schenken (Joh 16,13f.), sie so mit dem Vater zu verbinden und in ihnen zu wohnen (Röm 8,9). Ob der Geist aber genau wie Jesus angebetet werden kann, bleibt umstritten und wird unterschiedlich praktiziert. Weil der Geist Menschen zu Jesus führt, wird meist gesagt, dass der Schwerpunkt des geistgewirkten Gebetes Jesus gilt. Doch sowohl die Gottesdienstliturgien der Kirchen als auch die Gebete Einzelner könnenden Heiligen Geisteinschliessen. Was hat der Heilige Geist mit Pfingsten zu tun?

Die Entstehung der Kirche beginnt am ersten Pfingstfest mit der Ausgiessung des Heiligen Geistes (Apg 1–2). Die Verkündigung der Heilsbotschaft von Jesus Christus, der Glaube, die Taufe, das Abendmahl und die Kirche als Ganze werden damit zu Zeichen des Geisteswirkens in dieser Welt. Die römisch-katholische Kirche hat das Wirken des Geistes deshalb auch hauptsächlich in der Kirche und ihren Sakramenten gesehen, die Reformatoren betonten darüber hinaus das Geisteswirken durch Gottes Wort in den Herzen der Menschen. Evangelische Christen heben ebenfalls immer wieder hervor, dass der Geist die Gläubigen mit Fähigkeiten ausrüstet (1 Kor 12–14), die ihnen selbst und dem Gemeindeaufbau dienen, wie zum Beispiel Redegaben oder diakonische Befähigungen. Wie wichtig ist der Heilige Geist heute für die Kirchen? In den pfingstlichen und charismatischen Aufbrüchen des 20. Jahrhunderts, in der Taizé-Bewegung, in der feministischen Theologie und anderen Bewegungen scheint sich der Geist mit neuer Kraft Bahn zu brechen. Demgegenüber ist zu bedenken, dass die katholische Kirche und die evangelischen Kirchen das Wirken des Geistes schon immer für sich beansprucht haben. Deshalb sehen sich die grossen Kirchen durch solche Aufbrüche ausserhalb ihrer «Mauern» durchaus infrage gestellt. Sie versuchen daher immer wieder, diese Aufbrüche und Bewegungen so weit wie möglich in das kirchliche Leben hineinzunehmen. Wirkt der Heilige Geist nur im Dienste des Christentums?

Man kann den Heiligen Geist auch als «Weltgeist» begreifen, wie ihn Hermann Hesse in seinem Gedicht «Stufen» beschreibt: «Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.» War man früher weitgehend der Meinung, dass andere Religionen Ausdruck eines widergöttlichen Geistes sind, so kommen heute viele Menschen zu anderen Einschätzungen. Wir dürfen darauf hoffen, wie schon der Theologe Horst Georg Pöhlmann geschrieben hat, «dass Gott noch andere verborgene und geheime Wege des Heils kennt, um es wirklich allen zu bringen, wenn er zugesagt hat, dass er alle retten will (Röm 11,32; 1 Tim 2,4), aber durch die Kirche und ihre Heilsmittel eben nicht alle erreicht werden. Sicher, dieses Heil, das in und ausserhalb der Kirche von Gott gewirkt wird, ist immer das durch Christus gewirkte Heil, sosehr es den Menschen anderer Religionen unter anderen Namen und Riten vermittelt wird. Der Heilige Geist, der verborgene Gott, vermittelt dieses in Kreuz und Auferstehung erworbene Heil auch auf anderem Wege. Die Gnade Gottes ist grösser als die Kirche.» em