Der katholische Jugendbischof Marian Eleganti ist überzeugt, dass bei Jugendlichen in der Glaubensfindung Druck nichts bewirkt. Die besten Missionare für Jugendliche seien Vorbilder und Gleichaltrige.

Bischof Marian, was tun Sie als Jugendbischof, um jung zu bleiben?

Ich glaube, man bleibt jung – nur in einem gewissen Sinn -, wenn man um junge Menschen ist. Sie sorgen immer wieder für einen Upgrade. Ich lerne ihre Welt kennen, löse mit ihrer Hilfe technische Probleme in der digitalen Welt, sehe, wie sie sich in den sozialen Medien organisieren, wie sie kommunizieren. Zum Teil bin ich als Jugendbischof auch in diese Aktivitäten integriert.

Ist die Glaubensvermittlung an Junge heute schwieriger als zum Beispiel vor 20 Jahren? Die Ablenkung durch die neuen Medien ist ja heute gross.

Tatsächlich ist das Angebot heute sehr gross, die Gefahr, in der Innerweltlichkeit und Aussenorientierung ganz aufzugehen. Die gesellschaftliche Atmosphäre ist auch nicht mehr so, dass junge Menschen ohne weiteres zu einer Glaubensvertiefung finden. Das fehlt es schon im Elternhaus, in der eigenen Familie. Gott kommt zwar noch vor, aber nicht mehr zentral. Glaubenswissen wird nicht mehr weitergegeben. Jugendliche müssen heute selber suchen. Sie stehen auch oft mit ihrem Glauben in ihrem Umfeld einsam da.

Der Glaube hat heute kein Prestige mehr. Man hat in der Schweiz Hemmungen, zu seinem Glauben zu stehen.

Das stimmt, man outet hierzulande seine eigenen religiösen Ansichten nicht gern. Dieses Problem haben auch die Jugendlichen. Sie haben Hemmungen, vor Gleichaltrigen zu ihrem Glauben zu stehen. Sie haben Angst, aufzufallen oder aus dem Rahmen zu fallen. Der Jugendliche will zu seiner Peergroup einfach dazugehören. Er muss über den eigenen Schatten springen, um bestimmte Werte zu vertreten, die dort nicht gelebt werden. Da braucht er Zivilcourage.

Was ist heute in der Glaubensvermittlung entscheidend?

Man kann nicht davon ausgehen, dass Jugendliche durch Schule oder Religionsunterricht zum gelebten Glauben finden. Die Schule bietet heute Religionskunde, es handelt sich dabei um eine distanzierte Betrachtungsweise. In diesem Bereich ist einiges weggebrochen. Auch in der institutionalisierten Jugendpastoral ist man heute eher zurückhaltend. Persönlichkeitsentwicklung, Sozialengagement, Freizeitspass und Gemeinschaft stehen im Vordergrund. Die Einführung in eine Beziehung zu Christus, die das eigene Leben trägt und bestimmt, muss sich heute ein Jugendlicher aus anderen Quellen erschliessen.

Wie und vor allem wo?

In persönlichen Beziehungen, durch persönliche Vorbilder, oft auch durch Freundschaften mit Gleichaltrigen, die glauben. Gleichaltrige sind die besten Missionare für Jugendliche.

Mit der Firmung bzw. Konfirmation werden junge Menschen in der Kirche erwachsen, was auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Dennoch ist dies für viele das Ende ihrer Kirchenverbundenheit. Was läuft da schief?

Das kann mit der Biografie des Jugendlichen zusammenhängen. Es findet eine Ablösung vom Elternhaus statt, er kümmert sich um die Berufswahl, um das Fussfassen in der Gesellschaft. Er befasst sich mit der Frage, wer er ist, wer er sein möchte. Die grossen Jugendverbände sind auf diese Anliegen fokussiert, die Persönlichkeit zu wecken und zu begleiten, Gemeinschafts- oder erste Führungserfahrungen u.a.m. zu ermöglichen. Der Abbruch der kirchlichen Praxis und Bindung hat auch mit dem Klima in der Gesellschaft und in der Familie zu tun, wo der Glaube keine zentrale Rolle mehr spielt.

Was raten Sie Eltern, wenn deren Kinder nicht mehr ministrieren wollen, nicht mehr zu Messe mitkommen möchten? Würden Sie Bedingungen stellen?

Druck ausüben ist im Jugendalter (ab 14/15 bis 25) nicht förderlich. Kinder brauchen Führung, aber je selbständiger der Jugendliche wird, desto mehr muss man ihn befähigen, selbst zu wählen und zu entscheiden. Wichtig ist, klar zu kommunizieren, wo man steht und warum man dort steht, um sein eigenes Gewissen zu schärfen. Er muss wissen, was man für ihn für richtig oder falsch hält. Dadurch wächst in ihm ein eigenes Verantwortungsbewusstsein für sich selbst und andere. Er gesteht sein moralisches Bewusstsein seinen Eltern gegenüber nicht immer offen ein, gerade bei einem Konflikt nicht, wo er eigene Interessen und Wünsche gegen die elterliche Infragestellung vor allem verteidigt. Aber später, wenn er allein auf sich gestellt ist, verhält er sich oft den elterlichen Wünschen entsprechend oder verteidigt sogar ihre Prinzipien bzw. Werte gegenüber Gleichaltrigen. Da staunen manchmal die Eltern nur so. Ich habe das schon öfters beobachtet. Mit Druck und Zwang kann man aber im Jugendalter nichts mehr erreichen.

Wie würden Sie als Vater ihren Sohn motivieren, den Gottesdienst zu besuchen?

Wenn das Gespräch darauf kommt, würde ich die Bedeutung der Verbindung mit Gott betonen. Wichtig ist, dass ich mit dem guten Beispiel vorangehe. Aber dann braucht es Geduld. Man muss auch warten können. Ein Jugendlicher will sich von den Eltern abgrenzen, er sucht seine Identität bei seiner Gruppe. Aber später verändern sich wieder sein Denken und seine Einstellung, spätestens, wenn eigene Kinder kommen: Da spielt das Vorbild der eigenen Eltern wieder eine grosse Rolle.

Was gesät wurde, beginnt Früchte zu tragen.

Man muss mit Jugendlichen Geduld haben und warten können. Jeder Mensch muss sich den Glauben persönlich aneignen. Kinder sind nicht unsere Geschöpfe. Jede Generation beginnt in gewisser Weise wieder von vorn. Sie kann dabei auch verlieren, was die vorausgehende Generation moralisch sich angeeignet hatte. Das gilt vor allem für den Glauben. Das hängt mit der Freiheit zusammen, die jeder Mensch von Gott her hat, auch jede Generation. Aber dennoch: Eltern sollen sich einsetzen, indem sie genau kommunizieren, wo sie stehen. Oft leiden auch Jugendliche darunter, dass sie sich vordergründig gegenüber Eltern widerspenstig und frech verhalten es im tiefsten Innern aber gar nicht sind. Das konnte ich oft beobachten. Das sind komplexe Beziehungsgefüge. Man muss auf sie auch warten können.

Bischof Marian Eleganti sang am Deutschschweizer Weltjugendtag in der Zürcher Kirche Liebfrauen vor Jugendlichen. Foto: zVg