Vor 55 Jahren begann das zweite Vatikanische Konzil, das wichtigste kirchliche Ereignis des 20. Jahrhunderts. Es wurde mit dem Auftrag zur pastoralen und ökumenischen Erneuerung einberufen.

Bei der Eröffnung am 11. Oktober 1962 wies Papst Johannes XXIII. ausdrücklich darauf hin, dass eine gewisse Aktualisierung dogmatischer Sätze notwendig sei. Denn das eine sei das ewige Dogma, die bleibende Wahrheit, das andere die Ausdrucksweise der jeweiligen Zeit. Nach dem Tod Papst Johannes’ XXIII. im Jahr 1963 wurde das Konzil durch Papst Paul VI. fortgesetzt und 1965 beendet. Es entschied zugunsten der Religionsfreiheit in der bürgerlichen Staatsordnung und für verstärkten Dialog mit Anders- oder Nichtgläubigen.

Im Nachgang wurde viel vom «Geist des Konzils» gesprochen, was mit einer bestimmten Art der Interpretation des Konzils als kirchliches Ereignis zu tun hatte. Während eine progressive Richtung das grundlegend Neue des Konzils betont (Hermeneutik der Diskontinuität), sieht eine konservative die Kontinuität mit der bisherigen Geschichte der Kirche.

Unzweifelhaft hat das zweite Vatikanische Konzil neue Akzente gesetzt:

  • Bekräftigung des pastoralen Amtes der Kirche gegenüber der Theologie
  • Einsichten der historischen Forschung werden verstärkt berücksichtigt
  • Die Bibel ist bleibender Bezugspunkt des Glaubens
  • Die Kirchenväter sind privilegierte Zeugen der Tradition
  • Öffnung zur Welt
  • Dialog mit den Nichtchristen
  • Anerkennung ethischer und religiöser Werte ausserhalb der Kirche
  • Neuer, dialogorientierter Stil der Verkündigung

Während die römische Kurie jedoch, mitunter widerwillig, die Massgaben umsetzen musste, setzte sich in der Theologie mancherorts der Trend durch, das Konzil nur noch als «Impuls zum Aufbruch» zu deuten. Der allseitige Ungehorsam gegenüber dem Gesetzestext des Konzils hat wesentlich zu einer nachkonziliaren Krise (um 1965–75) beigetragen. Mancher Konzilstheologe räumt ein, dass man in Rom das Ausmass der Krise vor dem Konzil zu optimistisch eingeschätzt hat. Selbst konservative Theologen sagen, dass das kirchliche Lehramt zuvor mehr und mehr als «Stimme ohne Tragweite» erschien, so Jean d’Hospital.

Der für die Durchführung und Vollendung des letzten Konzils verantwortliche Papst Paul VI. zeigte sich im Jahr 1972 mehrfach irritiert darüber, dass statt der erhofften Belebung und des geistlichen Wachstums, das vom zweiten Vatikanum ausweislich sämtlicher Dokumente bezweckt war, das Gegenteil einzutreten schien. Nach einem Bericht von Erzbischof Agostino Casaroli, dem späteren Kardinalstaatssekretär, hatte der Papst auch von seinem Eindruck gesprochen, als ob «durch irgendeinen Spalt der Rauch Satans in den Tempel Gottes eingedrungen» sei, um die Früchte des Konzils zu verderben.

Gemeint war damit, nach Überzeugung von Philippe Levillain im «Dictionnaire historique de la papauté» zu Paul VI., insbesondere das Problem mit der Traditionalistenbewegung von Marcel Lefebvre, gegründet 1970. Demnach stellte der Widerstand gegen das Konzil und die Liturgiereform seitens des Traditionalismus für den Papst damals eine Bewährungsprobe dar.

Im Anschluss an das zweite Vatikanische Konzil wurde auch die freiwillige Ehelosigkeit der Priester als charismatisches Zeichen an der Synode der bundesdeutschen Bistümer diskutiert (1971–1975). Denn bereits im Februar 1970 hatten sich neun Theologen, darunter Joseph Ratzinger und Walter Kasper, die sich von dieser Position jedoch später wieder abwandten, sowie Karl Lehmann und Karl Rahner, in einem Memorandum an die deutschen Bischöfe gewandt und darum gebeten, die Pflicht der Priester zur Ehelosigkeit auf den Prüfstand zu stellen. Diese Vorschläge wurden in einer Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zwar allgemein aufgenommen, blieben jedoch ohne praktische Konsequenzen. Ratzinger wurde Papst, Kasper und Lehmann bedeutende Kardinäle.

Vom Konzil zur Synode

Die «Synode 72» diente der Umsetzung der Beschlüsse des zweiten Vatikanischen Konzils auf der Ebene der Ortskirchen in der Schweiz. Sie wurde von der Bischofskonferenz im März 1963 beschlossen, nach einer landesweiten Umfrage mit hoher Beteiligung durch interdiözesane Sachkommissionen gesamtschweizerisch vorbereitet, 1972–75 in den einzelnen Bistümern und in der Abtei Saint-Maurice durchgeführt, und deren Beschlüsse wurden wiederum gesamtschweizerisch zusammengefasst. Die Synodalen (Priester, Ordensleute, Laien) hatten aufgrund einer römischen Dispens vom 22. September 1969 alle dasselbe Rede- und Stimmrecht. Während der drei Synodenjahre tagten die Synodalen in bis zu zehn mehrtägigen Arbeitssessionen. Die Synode verabschiedete Beschlüsse in zwölf Sachgebieten, die den Glauben und die Glaubensverkündigung, Gottesdienst und Seelsorge, das Verhältnis zur Gesamtkirche, zu Staat, Gesellschaft und Wirtschaft sowie Fragen der Ökumene, Bildung und sozialen Gerechtigkeit behandelten. Doch lehnte Rom die Eingaben der Bischöfe, etwa das Gesuch um die Einrichtung eines gesamtschweizerischen Pastoralrats als interdiözesanes Beratungsorgan für die Bischofskonferenz, mehrheitlich ab. Andere Anregungen blieben unbeantwortet.

Das zweite Vatikanische Konzil, auch das 21. ökumenische genannt, wurde am 11. Oktober 1962 im Petersdom eröffnet. Foto: pixabay.com