Die Seelsorge ist genau bestimmt und organisiert. Aber wo steckt die Seele? Im Hirn oder im Herzen? Ist sie die Psyche?

Über die vielen Jahrhunderte seit den alten Griechen ist die Seele trotz aller Eigenschaften, die ihr zugeschrieben wurden, unfassbar geblieben. Für Platon war sie ewig, für Augustinus göttlich, für Hildegard von Bingen liebend und somit für ein ganz zentrales Gefühl zuständig. Das Seelenbild kann also sehr vielfältig sein. In einer Zeit, die von einer einseitigen Vernunft dominiert wird, erfahren diese Seelenbilder aber wenig Beachtung.

Das ist sonderbar, weil die Menschen wohl noch nie so intensiv wie heute – auch begünstig durch die digitale Technologie – auf der Suche nach Emotionen waren vom Morgen bis zum Abend, auch vor dem Fernseher. Bei der Emotion handelt es sich um einen Affekt, um eine Gemütsbewegung, die als besondere Art des Fühlens beschrieben werden kann. Im Gegensatz zu Angst, Freude, Liebe, Mitleid oder Ärger sind Emotionen keine Gefühle, sondern Gemütsbewegungen, und zwar sind sie ganz spontane Kombinationen von Empfindungen. Das Empfinden ist laut Carl Gustav Jung neben dem Denken, Fühlen und Intuieren eine Orientierungsfunktion, damit sich das Ich mit der eigenen Psyche und der Welt zurechtfindet. Emotionen werden oft als «seelisches Erleben» umschrieben.

Eingehauchtes Leben

Ist die Seele somit Impulsgeberin für Emotionen? In der Bibel gibt es das Bild, dass Gott dem Menschen den Odem des Lebens einhaucht. «Hauch» oder «Atem» bedeutet in Altgriechisch psyché. Für die Griechen war die Seele der Widerhall alles Seins. Das deutsche Wort Seele stammt von «zum See gehörig». Das Wasser war nach germanischer Vorstellung der Ort der Totengeister, die Toten lebten als Schattenbilder weiter. Modern ausgedrückt ist die Seele die «Speicherplatte» eines Menschen, der Träger aller Daten des Lebens. Das Hirn vermag nämlich diese Funktion nicht zu erfüllen, schon gar nicht im Alter. Erinnerungen und die Gesichter geliebter Menschen verschwinden, nicht aber die Daten des «Datenträgers» Seele. Dieses Geheimnis des Seins kann mit der Vernunft nicht gänzlich erfasst werden, aber die Vernunft erfasst, dass es jenseits der Vernunft Unerfassbares gibt.

Zurück zu den Emotionen, zum seelischen Erleben. Die Impulse aus der Seele führen zu messbaren Vorgängen im Hirn. Es liegt somit auf der Hand, Emotionen als Gehirnvorgänge zu verstehen und die Seele als Fiktion zu sehen. Bei dieser Ansicht bleiben aber ganz zentrale Fragen offen; die Frage etwa, weshalb Emotionen ausgelöst werden und von Fall zu Fall und von Mensch zu Mensch so unterschiedlich sind.

Der Teufel wollte die Seele

Das wusste schon Mephisto in Goethes «Faust». Deprimiert und lebensmüde verspricht Faust dem Teufel Mephistopheles seine Seele. Bedingung: Faust will von seiner Unzufriedenheit befreit werden und Abwechslung haben – also gute Emotionen. Wenn all diese Gemütszustände gespeichert sind, im «Datenträger» Seele, will der Teufel diese Daten, die Seele, besitzen; nicht das Herz von Faust, nicht seinen Tod, sondern sein Selbst, das, was ihn ausmacht. Umgeben von der Allgegenwart des Todes bestand offenbar vor zweihundert Jahren ein «Urwissen» um die Seele.

Das Selbst ist zweifellos durch die Charaktereigenschaften geprägt. Davon ist aber nur ein Teil durch die Erziehung, den Werdegang, Schicksale, Verletzungen bestimmt. Ein wohl wesentlicherer Teil ist vermutlich durch die Gene gesteuert, wobei sich die Gene laut endogenetischer Forschung während des Lebens noch verändern. Die Erinnerungen an Ereignisse verändern sich auch über die Jahre und beeinflussen dadurch ebenfalls das Selbst, das von ihnen mitgeprägt wurde, weil auch das Gehirn seine Struktur verändert. Als wacher Mensch kann man darüber nur staunen.

Als Baby ist der Mensch egozentrisch auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse fixiert. Später werden Zugehörigkeit und Akzeptanz in der Schule und bei Freunden zentral. Dann setzt laut der amerikanischen Psychologin Jane Loevinger die Phase des Selbstbewusstseins ein, die zu einer Identität mit eigenen Werten und Vorstellungen heranreift. Der Mensch wird schliesslich toleranter, respektiert andere Ansichten, das Selbstbild wird komplexer. Später wächst auch die Toleranz für die eigenen Widersprüche und für jene anderer Menschen, der Mensch wird menschlicher, die Selbstakzeptanz steigt. Daraus sollte nach Loevinger früher oder später das «integrierte Ich» resultieren: Individualität und Selbstentfaltung als Folge von Selbsteinsicht und Einfühlungsvermögen. Diese Ichentwicklung zum Selbst, von einem lauten zu einem stilleren Ich, hat mit der Seele zu tun, mit dem Geheimnis des Lebens. Die Seele, die tiefe Ebene des Ichs, bleibt zwar ein Geheimnis, aber alle Menschen spüren in ihrem Leben – selten oder ganz oft –, dass es dieses Geheimnis gibt.

Sitz der Seele? Das menschlische Gehirn in einer Magnetresonanztomografie. Foto: pixabay.com