Die Heilige Schrift ist voller Krieg, Leid, Mord und gewaltvollem Gericht. Warum man sich mit den brutalen Bibelstellen auseinandersetzen sollte – und was sie über uns Menschen aussagen.
Nichts für Kinder?
Nicht überraschend ist, dass vor ein paar Jahren diskutiert wurde, ob man die Bibel überhaupt Kindern und Jugendlichen zumuten könne, oder ob man nicht vielmehr gewisse Texte und Erzählungen weglassen müsste, was ja seit Generationen in Kinder- und Schulbibeln ohnehin getan wird. Auch wenn diese Debatte wieder abgeebbt ist, so bleibt doch die Frage, wie die Bibel es nun mit der Gewalt hält.

Der Umgang mit Gewalt und das Ausüben von Gewalt sind wohl seit Jahrtausenden Herausforderungen für die Menschheit. Kein Wunder also, dass auch die Bibel sich immer wieder mit Gewalt auseinandersetzt, unzählige Geschichten von und über Gewalt erzählt. Schon auf den ersten Seiten fängt es an, kaum ist die Welt geschaffen – schön und gut, wie uns die priesterliche Schöpfungserzählung (Gen 1) versichert – folgt auch schon das Drama um Kain und Abel, schreit das erste Menschenblut zum Himmel (Gen 4,10) und brüstet sich Lamech mit siebenundsiebzigfacher Rache (Gen 4,2324). Und so kommt Gott schon im 6. Kapitel der Bibel zum Schluss, dass die Erde voller Gewalttat sei (Gen 6,13) und reagiert darauf mit der Sintflut.

Auch wenn danach Gott selber verspricht, keine neue Sintflut über die Erde zu bringen (Gen 8,21 und 9,11) und das Leben zu schützen, so folgen in den verschiedenen Schriften der Bibel viele Erzählungen und Geschichten, die Gewalt enthalten. Und selbst das Erkennungszeichen der Christenheit schlechthin, das Kreuz, ist ja nichts anderes als ein Folter- und Tötungsinstrument von ausgesuchter Grausamkeit.

Der Mensch ist gewaltbereit

Vielleicht können und müssen wir als Erstes einfach festhalten, dass die Bibel grundehrlich ist. Sie verschweigt die Neigung der Menschen, mit Gewalt zu regieren und zu reagieren nicht. Denken wir daran, die biblischen Schriften stammen aus Zeiten und Kulturen, die von Gewalt sichtbarer bestimmt wurden als unsere europäische Gegenwart, Israel und Juda waren zwischen den damaligen Grossmächten in Ägypten und im Zweistromland vielfältigen Konflikten und Kriegsereignissen ausgesetzt.

Diese erlebte Wirklichkeit wird im Alten Testament nicht ausgeblendet, und auch im neuen Testament ist die durchaus gewalttätige römische Herrschaft in Palästina mit Händen zu greifen.

Zudem präsentierten sich die Herrscher der Antike – vom alten Ägypten bis zum klassischen Griechenland und dem römischen Kaiserreich – gerne in Gewaltbildern. Fast jeder Pharao liess sich als ein Krieger darstellen, der seine Feinde beim Schopf packt und gleich dutzendweise erschlägt oder mit dem Streitwagen überrollt, die griechisch-römische Geschichtsschreibung berichtet unglaubliche Dinge von Schlachten und ausgesuchtesten Foltermethoden, die römischen Triumphbogen stellen die Kaiser und Feldherren als Sieger blutiger Schlachten vor Augen, in den römischen Arenen kämpften regelmässig Gladiatoren auf Leben und Tod – zur Unterhaltung der Massen.

Wie ernst all diese Erzählungen und Bilder zu nehmen sind, darüber kann man geteilter Meinung sein. Manche der dargestellten Dinge sind rein praktisch gar nicht möglich – und ein gut trainierter Gladiator stellte für seinen Besitzer letzten Endes auch einen recht erheblichen Vermögenswert dar, mit dem nicht ganz so leichtfertig umgegangen wurde. Wahrscheinlich ist also weniger Blut geflossen, als die antiken Erzählungen und Darstellungen glauben machen wollten, denen es primär um die möglichst eindrucksvolle Präsentation der Macht der jeweiligen Herrscher ging.

Die Menschen der biblischen Zeit mussten sich allerdings mit diesen Gewaltbildern und –erfahrungen auseinandersetzen, und entsprechend spiegeln sie sich in den Texten und Vorstellungen der Bibel.

Gewalt – kritisch betrachtet

Nach meinen Beobachtungen erliegen die wenigsten biblischen Erzählungen der Faszination, die bis heute von Gewalt ausgeht, sondern vertreten eine kritische Distanz. Zum Beispiel wird ausführlich die Konfrontation von David und Goliat berichtet, doch wird der Sieg Davids als Rettung durch Gott verstanden, damit «jeder in dieser Versammlung weiss, dass der HERR nicht durch Schwert und Speer rettet» (1Sam 17,47). Die Spruchweisheit des Sprüchebuches, die Gebote der Tora, die Ethik der Bergpredigt, alle warnen vor Unrecht und Gewalt und versuchen menschliche Gewaltanwendung einzuschränken beziehungsweise zu verhindern – ohne die Illusion, dass Gewalt vollständig verhindert werden könnte. Im Weinberglied des Jesajabuches wird die Erwartung Gottes an die Menschen und seine Enttäuschung in einem starken Wortspiel formuliert: «er hoffte auf Guttat, doch siehe da Bluttat» (Jes 5,7 in der Übersetzung der Zürcher Bibel von 1931).

In solchen und anderen Beispielen zeigt sich deutlich jene Auffassung in der Bibel, die – durch das Alte wie das Neue Testament hindurch – der menschlichen Gewalt kritisch und ablehnend gegenüber steht. Und letztlich ist es auch diese Haltung, die in dem berühmten und umstrittenen Wort «Mein ist die Rache» (Dtn 32,35) zum Ausdruck kommt: Nicht Menschen sollen gewalttätig Recht zu schaffen versuchen, sondern Gott alleine wird für Gerechtigkeit sorgen. Die Friedensvision, die Schwerter zu Pflugscharen schmiedet (Jes 2,25 und Micha 4,15), ist der Ausdruck dieser Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit, die Gewalt keinen Raum lässt und Frieden für alle Menschen und Völker schaffen soll.

Wenn Gott zum Rächer wird

Andererseits ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass Menschen, die über Generationen hinweg immer wieder Gewalt und Unrecht erlitten, diese Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit in drastische Gewaltphantasien kleideten. Die Vorstellung eines blutigen Weltgerichtes, wie sie sich beispielsweise im letzten Buch der Bibel, der neutestamentlichen Offenbarung des Johannes, findet (vgl. Off 17ff) ist wohl der verzweifelte Ausdruck auf eine letztendlich doch anbrechende Gerechtigkeit, die die wehrund machtlosen Opfer so vieler Gewalttaten ins Recht setzt – was nach den Vorstellungen der Antike bedeutete, dass in irgendeiner Weise Vergeltung geübt werden musste.

Manche dieser Texte erscheinen uns aus heutiger Sicht unerträglich, wir haben nicht zuletzt in der Nachfolge der biblischen Tradition andere Vorstellungen von Gerechtigkeit und Vergebung entwickelt, und trotzdem gehören auch diese Gewaltphantasien zur biblischen Tradition hinzu. Wir sollten sie darum auch als das lesen, was sie ursprünglich sind: Hilferufe, verzweifelte Schreie nach Gerechtigkeit, die sich in der Bilderwelt der Antike vorstellen, wie es sein müsste, wenn Gott endlich Gericht hält. Damit ist auch gleich gesagt, dass man mit diesen Texten keine menschliche Gewalt biblisch legitimieren kann.

Der Autor, Stefan Wälchli. ist Pfarrer in Worb BE und Privatdozent für Altes Testament an der Uni Bern. Der hier abgedruckte Text ist eine gekürzte Version, die im «Doppelpunkt» erschienen ist. Bild oben: Die Steinigung des Stephanus: Gewaltphantasien als Schrei nach Gerechtigkeit. Foto: pixabay.com