Der Heilsarmeeoffizier Beat Schulthess glaubt, dass Dämonen Menschen beeinflussen können. Er bietet Dienste zur Befreiung von bösen Mächten an und bildet Menschen zu Befreiungsdienern aus. Georg O. Schmid von der evangelischen Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen Relinfo zweifelt an diesem Weltbild – empfiehlt Beat Schulthess aber in manchen Fällen weiter.

Georg O. Schmid, bei Dämonenaustreibungen denkt man zuerst an den katholischen Exorzismus. Wie verbreitet ist das Phänomen im protestantischen Bereich?

Für die Reformatoren und auch die klassischen protestantischen Theologen in der Zeit nach der Reformation war klar, dass es Befreiungsdienst geben kann – aber nur auf dem Missionsfeld. Nichtchristen konnten ihrer Meinung nach besessen sein, aber Christen nicht. Wenn der Heilige Geist in mir wohnt, kann nicht gleichzeitig ein Dämon da sein. Erst später kam die Vorstellung auf, dass Dämonen auf Christen einwirken können, immer noch ging man aber davon aus, dass sie den Wesenskern des Christen nicht einnehmen können, dass Christen also nicht besessen sein können. Diese Vorstellung kam erst in der Pfingstbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Heutzutage sind etwa zwei Drittel aller Protestanten weltweit Pfingstler. Man kann also längst nicht mehr sagen, dass der Protestantismus weltweit gesehenweniger Exorzismen kennt als der Katholizismus – eher mehr, weil der Befreiungsdienst im pfingstlichen Christentum sehr häufig vorkommt.

Warum spielt der Befreiungsdienst, also die protestantische Form des Exorzismus, so eine grosse Rolle in Pfingstkirchen?

Das traditionelle protestantische Christentum, auch das evangelikale, ist von einem gewissen Rationalismus geprägt. In der Pfingstbewegung sind Wunder selbstverständlich. Wenn ich permanent mit Wundern rechne, sehe ich gute Wunder, aber auch schlechte. Dieses Weltbild schreit danach, dass es auch eine negative Wundermacht gibt.

Hierzulande ist die Mehrheit der Protestanten reformiert. Wo sind die Pfingstler vorherrschend?

Weil die Pfingstler Wundern gegenüber so offen sind, sind sie vor allem dort beliebt, wo der Geisterglaube ohnehin traditionell sehr stark ist. Dazu gehören Westafrika und Südamerika. Neun von zehn Befreiungsdiensten in der Schweiz geschehen übrigens in Migrationskirchen.

Beat Schulthess führt Befreiungsdienste durch und bildet zukünftige Befreiungsdiener aus. Gibt es noch mehr Schweizer, die so etwas tun?

Eine Szene von Befreiungsdienern am Rande der Freikirchen gibt es schon länger. Das sind einige Dutzend Leute in der Schweiz. Aber keiner ist auch nur annähernd so bekannt wie Beat Schulthess. Die anderen Befreiungsdiener haben, nach dem was ich höre, einen Aderlass an Kundschaft im Vergleich zu ihm.

Warum?

Wenn Menschen ihre Schwierigkeiten, oft sind es Suchtprobleme, auf böse Geister zurückführen, dann suchen sie gern den bekanntesten Seelsorger auf, denn derjenige, der das meiste Publikum hat, gilt als der Gesalbteste, der von Gott die grösste Macht über Dämonen erhalten hat. Für viele Menschen ist das heute Beat Schulthess.

Was ist Ihrer Meinung nach sein Geheimnis?

Ich sehe zwei Motive. Das eine ist sein Bemühen um Seriosität. Dabei hilft, dass er Teil der Heilsarmee ist. Unter den Freikirchen hat die Heilsarmee traditionell ein ausgesprochen positives Image, das auch auf Beat Schulthess abfärbt. Und tatsächlich arbeitet Beat Schulthessseriöser als viele unabhängige Befreiungsdiener. Das Zweite ist der Medienfaktor. Beat Schulthess scheut keine Kamera. Hilfesuchende werden durch diese aktive Medienarbeit auf ihn aufmerksam.

Sie waren an einem Seelsorgetag dabei, an dem Beat Schulthess auch Befreiungsdienste praktiziert hat. Was haben Sie dort erlebt?

Ich war bei zwei Gesprächen dabei. Die erste Person, die ich dort erlebt habe, kommt aus einem freikirchlichen Umfeld, war seit Jahren in psychiatrischer Behandlung, hat nach meinem laienhaften Verständnis deutliche paranoide Tendenzen gezeigt und die Probleme als dämonisch gewirkt gesehen. Beat Schulthess ist darauf nicht eingestiegen. Er hat den Ball, der ihm zugespielt wurde – bitte exorziere mich – nicht aufgegriffen. Die zweite Person war schon häufiger bei Beat Schulthess, weil sie angeblich sehr viele Dämonen in sich trug. Als ich da war, hatte sie noch die beiden letzten, den Chef der Dämonen und seinen Stellvertreter. Sie hat mit veränderter Stimme gesprochen, Übernatürliches war nach meiner Beobachtung aber nicht dabei, die Dämonen hatten den gleichen Dialekt wie sie selbst. Aus meiner Sicht war das eine Show. Für Beat Schulthess war aber, wie er sagte, nicht fraglich, dass da böse Geister am Werk waren. Am Schluss ist der Stellvertreter gegangen.

Was denken Sie theologisch über den Dämonenglauben?

Zweifellos war Jesus Exorzist, und im Neuen Testament tauchen ja im Gegensatz zum Alten Testament recht häufig Besessene auf. Das ist ein Einfluss des hellenistischen Denkens. Wenn wir schauen, was diese Dämonen bewirken, dann sind es fast immer Symptomatiken, die wir heute als psychopathologische Erkrankungen bezeichnen würden. Die Menschen verweigern das Sprechen, verhalten sich wirr, sind schizophren. Dämonen sind die Erklärung der damaligen Zeit dafür. Ich denke, dass Jesus diese Erkrankungen nach den Vorgaben der Zeit geheilt hat. Ich sehe aber keine besessene Person im Neuen Testament, die diejenigen Probleme hat, wie sie heutige vermeintlich Besessene schildern. So gelten Suchtprobleme im Neuen Testament nirgendwo als dämonisch gewirkt. Ich empfinde es theologisch als beschränkt legitim, die psychopathologischen Fälle heute dem Psychiater zu überlassen und als dämonisch zu betrachten, was im Neuen Testament ausdrücklich nicht als dämonisch gilt.

Dennoch: Gibt es Leute, für die Befreiungsdienst das Richtige ist?

Wenn ich von Menschen kontaktiert werde, die einen Befreiungsdienst wünschen und von mir den besten Exorzisten erfahren wollen, dann versuche ich, ihnen andere Formen der Hilfe zu empfehlen, etwa eine seelsorgerliche oder psychologische Begleitung. Manche Personen sind aber so fest davon überzeugt, dass ein Dämon in ihnen wohnt, dass sie sich durch einen Befreiungsdienst entlastet fühlen können. Dann empfehle ich eher Beat Schulthess als einen wilden Exorzisten aus der unabhängigen Szene.

Georg O. Schmid. Foto: Felix Wally