Nach ihrer Sopranausbildung in Rom hat die Liebe Cristina Santarelli vor 23 Jahren in die Schweiz gebracht. Heute singt sie besonders gerne in Kirchen. Dafür hat sie zahlreiche Gründe.

Der Entscheid stand schon früh fest: Mit sechs Jahren wollte Cristina Santarelli Sängerin werden, ebenso wie ihr älterer Bruder Marco. Aufgewachsen in einem Elternhaus in Rom, das von der Musik geprägt war, erschien diese Wahl nicht als Überraschung. Ihr Grossvater war Klarinettist und schrieb Arrangements für das Rai-Orchester und für den Sänger Domenico Modugno, Vater des berühmten Liedes «Volare». Der Cousin der Mutter war Pianist und seine Frau Paola eine Sopranistin, die beide zusammen Cristina und Bruder Marco in Klavier und Gesang unterrichteten. «Wir waren begeistert von ihnen», erinnert sich Cristina Santarelli. «Als wir Paola  als Jugendliche an Vorführungen sahen, hat uns das in unserer Berufswahl bestärkt.»

Dennoch wollten ihre Eltern, dass sie das Gymnasium absolvierte. «Das war eine doppelte Belastung, neben der Schule kam in der Freizeit das Gesang- und Klavierstudium hinzu. Aber ich war immer mit Leidenschaft dabei.» Obwohl ihr Vater taub ist, erhielt sie auch von ihm viel moralische und finanzielle Unterstützung für ihre Ausbildung. «Er freut sich an der Konzertatmosphäre und den Reaktionen des Publikums und erlebt auf diese Weise den Gesang indirekt und ist stolz auf uns.» Am Konservatorium von L’Aquila erwarb Cristina Santarelli das Gesangsdiplom. Auch ihr Bruder, der Tenor ist, absolvierte eine Gesangsausbildung. Kurz danach lernte die Sängerin ihren künftigen Mann kennen, einen Schweizer, was sie mit 23 Jahren veranlasste, in die Nähe von Zürich zu ziehen. In ihrer neuen Heimat sang sie ab 1992 in zahlreichen Chören, trat als Solistin auf und perfektionierte über die Jahre ihre Stimme. In verschiedenen professionellen Chören sang sie Messen von Vivaldi, die «Spatzenmesse» in C-Dur von Mozart, die «Missa brevis» Nr. 1 in F-Dur und die «Missa brevis Sancti Joannis de Deo» von Haydn sowie die «Messe in G-Dur» von Schubert, aber auch Bachkantaten, Barock-, Opern- und Operettenarien. Und sie zog einen Sohn und eine Tochter gross, die heute in der Berufsausbildung stecken. Francesca lernt Polygrafin und Marco absolviert eine Lehre als Bauzeichner. «Beide haben gut musiziert, Marco spielte Trompete, Francesca Geige, aber sie haben heute keine Lust mehr, was ich respektiere. Vielleicht nehmen sie später den Faden wieder auf.»

Alles mit dem Gehör

Cristina Santarelli spricht perfekt Schweizerdeutsch, das sie sich über ihr absolutes Musikgehör angeeignet hat – ohne es je systematisch studiert zu haben. Neben Soloengagements unterrichtet sie heute in der Primarschule Musik und erteilt Privatschülern Gesangsstunden. Gerne singt sie in Kirchen, wie an vergangener Weihnacht in der reformierten und der katholischen Kirche in Männedorf.

«Ich habe mit meinem Bruder Marco aus Rom die ‹Pastoralmesse› in G-Dur von Karl Kempter gesungen.» Es handelt sich dabei um das wohl bekannteste Werk von Kempter, das am Heiligen Abend 1851 im Augsburger Dom uraufgeführt wurde. Cristina Santarelli singt auch gerne an Trauergottesdiensten.

«An Abdankungen bin ich oft persönlich tief berührt. Um mich nicht von Emotionen überwältigen zu lassen, denke ich jeweils intensiv an die Verstorbene oder den Verstorbenen. Und schon oft brachen in solch kritischen Momenten Sonnenstrahlen durch die Kirchenfenster. Das hatte für mich einen grossen Symbolwert.» Cristina Santarelli ist überzeugt, dass die menschliche Stimme tiefer berührt als der Klang eines Instruments. «Die Stimme ist Teil von uns, deshalb hat sie eine stärkere Wirkung und löst auch mehr Emotionen aus.» Besonders in Kirchen seien die Menschen offen, mit der Seele zu hören. «Ich denke, in Kirchen steht nicht der Genuss des Gesangs und der Musik im Vordergrund. Es geht um mehr, nämlich um Andacht und Würde, was der italienische Begriff solenne schön umschreibt. Die Darbietung in der Kirche weckt und verstärkt Gefühle, die mit dem Glauben zusammenhängen.» Cristina Santarelli spricht von Trauer, Hoffnung, Dankbarkeit und Freude. «In der Kirche hat der Gesang deshalb eine ganz besondere Rolle, er öffnet im wahrsten Sinne des Wortes die Seele. Es ist immer commovente, tief berührend.»

Grosses Bild: Cristina Santarelli während einer Interpretation. Foto: Roland zVg