Mittwoch, 13 Dezember 2017 16:27

Für fremdes Leid empfindsam Empfehlung

«Politische Theologie» – ein Begriff, der so suggestiv wie umstritten ist. Je nachdem ob man ihn aus der politischen, philosophischen oder theologischen Perspektive betrachtet, offenbart er unterschiedliche Leitlinien.

Entscheidend war immer die Frage, ob die Theologie als Rechtfertigung oder als kritische Reflexion politischen Denkens und Handelns fungiert.

Gegen die aus seiner Sicht «alte politische Theologie» wendet sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Theologe Johann Baptist Metz mit der von ihm begründeten «Neuen Politischen Theologie». Er spricht von einer Neuschöpfung des Begriffs, weil es ihm um eine «theologische Politische Theologie», so der Metz-Schüler Tiemo Rainer Peters, gehe. Ein wichtiges Fundament dieses Neuansatzes bildet der tödliche Konflikt Jesu mit den öffentlichen Mächten seiner Zeit und seine Weigerung, die Denkweisen der römischen oder jüdischen politischen Theologie zu übernehmen. Metz versucht mit seinem Ansatz, die Bedeutung der biblischen Gottesrede für die geschichtlichen und gesellschaftlichen Prozesse unserer Zeit zum Ausdruck zu bringen. In diesem Sinne ist sie «nichts anderes als Rede von Gott in dieser Zeit» und damit eine Theologie der Hoffnung, in der die Gerechtigkeitsfrage zu der theologischen Frage überhaupt gemacht wird, immer auf dem biblischen Hintergrund. Es geht um eine universale Gerechtigkeit, um eine Solidarität mit den gegenwärtigen und den zukünftigen Generationen, die vergangenen unbedingt mit einschliessend, denn Gott ist ein Gott der Lebenden und der Toten.

Was Menschsein heisst

Und er ist ein Gott der Hoffnung, «denn alle Hoffnungen sind immer mit den grossen Menschheitsfragen verbunden: Was ist Gerechtigkeit? Was ist Freiheit? Was ist Glück?», fasst Jürgen Manemann, ein jüngerer Metz-Schüler, die Intention zusammen. Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden, «nicht um uns zu vergöttlichen, sondern um uns zu zeigen, was Menschsein heisst», in allen Formen des Alltags. Entsprechend macht sich Johann Baptist Metz für eine christliche Spiritualität stark, die für fremdes Leid empfindsam ist. Eine solche «Mystik der schmerzlich geöffneten Augen» müsse nicht nur den nahen Menschen, sondern gerade auch die «fremden anderen» in den Blick nehmen. Insofern deutet Metz die Forderung zur Nachfolge Christi als wirksame Praxis in gesellschaftlichen Dimensionen. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929–2003) knüpfte an die neuzeitliche Freiheitsgeschichte an und ging – ähnlich wie Dietrich Bonhoeffer – von einer säkularisierten Gesellschaft aus. Für sie war «politische Theologie» die konsequente Fortführung der befreienden historischen Kritik. Kirche müsse aus ihrer Randstellung in der Gesellschaft herausfinden. Nur so nehme sie ihre kritische Funktion gegenüber der Gesellschaft wahr und mache mit der politischen Funktion der Theologie ernst. Es gebe keine nicht politische Kirche. «Politische Theologie» will die Kirchenpolitik und das politische Engagement der Christen christianisieren, sie will, wie es Jürgen Moltmann, der andere grosse evangelische, politische Theologe, einmal sagte, «eine verantwortliche Vermittlung des zukünftigen Reiches in die Geschichte hinein», den «Gottesdienst im Alltag der Welt». Gemeint ist dies ausdrücklich als eine «ökumenische politische Theologie». In diesem Sinne deutet er die reformatorische Rechtfertigungslehre als eineTheologie der Befreiung der Rechtlosen und Unterdrückten im Blick auf eine gerechte Gesellschaft. Gottesglaube und Freiheitswille verbinden sich gemäss der Bibel.

Politik von der Kanzel? Oder moralischer Auftrag, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu gestalten? Foto: pixabay.com