Montag, 11 Dezember 2017 16:32

Es ist angerichtet! Empfehlung

In Roms Kirchen bekommen am 24. Dezember arme Menschen einen «Pranzo di Natale», ein Weihnachtsessen, serviert. Das Beispiel fand viele Nachahmer und könnte noch zahlreiche mehr finden.
Zwischen Idee und Praxis
Ein Weihnachtsessen für Benachteiligte im Gemeindesaal – seien es Asylsuchende, einsame alte Menschen oder Minderbemittelte – sind heikle Unterfangen. Erfahrungen zeigen, dass sie oft nicht recht gelingen. Am Anfang steht grosse Begeisterung, doch am Schluss resultiert oft Ernüchterung. Erfolgreicher sind gezielte Einzelaktionen. Etwa eine individuelle Einladung zu einem Advents-Zvieri oder die Vermittlung einer Weihnachtseinladung in eine Familie. Oft ist, wie Anfragen zeigen, die Disponibilität der Menschen viel grösser als angenommen.

Begonnen hatte alles 1982 in der Basilica di Santa Maria in Trastevere an der gleichnamigen wunderschönen Piazza mitten in der Altstadt Roms. Eine kleine Gruppe bewirtete am Heiligen Abend in der Kirche 20 Bedürftige – verarmte Rentner und Obdachlose aus dem Quartier. Aus dieser Initiative resultierte eine grosse Bewegung – bis heute. Am 24. Dezember werden in den meisten Pfarrkirchen Roms die Bänke zur Seite geräumt, um für lange Tafeln Platz zu schaffen. Die Gemeindemitglieder rücken die Stühle zurecht und kümmern sich um eine festliche Dekoration auf den Tischen. Sie koordinieren auch mit den umliegenden Restaurants das Menü für die geladenen Gäste, die an den Tafeln empfangen werden. Obdachlose, verarmte Rentner, Geflüchtete – kurz jene, die am Rande der Gesellschaft leben. Für sie kochen die Restaurants in Rom an diesem magischen, besonderen Tag gratis. Da die Nachfrage das Angebot inzwischen weit übersteigt, werden auch Lebensmittel für die Weihnachtsessen im Vorfeld gesammelt.

Eine Frage des Tuns

So stellte sich Rosaria Greco am vergangenen Samstag mit ihrer 18-jährigen Tochter Sarah vor einen Supermarkt im Quartier Trastevere in Rom: «Wir baten die Leute, die einkaufen gingen, um Tomaten, Panettoni und Torroni. Aber wir waren auch für Olivenöl oder Mozzarella dankbar.» Mit ihrer Tochter bedient Rosaria Greco zusammen mit weiteren Freiwilligen um 140 Arme in der Kirche Santa Maria Assunta e San Giuseppe in Primavalle an der Peripherie von Rom. «Wir servieren als ersten Gang Lasagne mit Mozzarella, dann Fleisch oder Käse mit Kartoffelstock, Erbsen und Linsen, dazu Salat und schliesslich Panettone und Torrone mit Wein und Spumante.» Danach erhalten die Gäste Geschenke, die im Vorfeld gesammelt wurden. «In diesem Jahr kommen auch meine Mutter, meine Schwester, ihr Mann und mein Bruder an diese Tafel. Wir feiern zusammen mit den Armen, das hatfür uns mehr Sinn als ein üppiges Nachtessen zu Hause», sagt die 54-jährige Mutter, die bei der RAI-Generaldirektion in einer Kaderposition arbeitet.

Diese Haltung hat inzwischen in Rom Schule gemacht. Mehrere 100 Freiwillige bedienen am 24. Dezember in Kirchen Randständige bis in den frühen Abend und stossen später zu Hause in kleinem Rahmen auf den Heiligen Abend an.

Evangelium im Hier und Jetzt

Promotorin dieser solidarischen Weihnachtsfeiern ist die Gemeinschaft Sant’Egidio. Gegründet wurde die Laienbewegung 1968 von Jugendlichen und Studenten, die «auf der Suche nach einem glaubwürdigen Leben waren». Andrea Riccardi, damals selbst noch Schüler, begann eine Gruppe von Kollegenzuversammeln, um das Evangelium im Hier und Jetzt umzusetzen. Die Urgemeinde aus der Apostelgeschichte und Franziskus von Assisi waren dabei die Vorbilder. Die kleine Gruppe nahm sich der Kinder in den Barackensiedlungen am Stadtrand von Rom an und bot ihnen eine «Scuola popolare» an, die nun als «Friedensschule» geführt wird. Heute stehen neben dem Gebet die «Freundschaft mit den Armen» und «der Dienst am Frieden» im Mittelpunkt der Aktivitäten. Die Solidarität mit den Armen in verschiedenen Lebenslagen wird als Friedensarbeit «in einem interreligiösen Dialog» gesehen. Die Gemeinschaft ist heute in 70 Ländern aktiv, an vielen Orten als Hilfswerk. Die Idee eines Weihnachtsmahls für die Armen wurde dabei in die ganze Welt getragen. So berichtet Sant’Egidio, dass inzwischen weltweit 180 000 bedürftige Menschen am 24. Dezember in Kirchen verwöhnt werden.

Das Weihnachtsessen in der katholischen Kirche Santa Maria Assunta e San Giuseppe in Primavalle an der Peripherie von Rom Foto: zVg